Boris Reifschneider
Fesseln spürt, wer sich bewegt
2.1 Meine Stellungnahme zur vorliegenden Arbeit 

Im folgenden gebe ich meine persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen aus den 80ern wieder. An Filmen, die ich im Kino als Kind sah, sind mir besonders solche mit ökologischen Themen im Gedächtnis geblieben. Später begann ich mich aktiv in der linken Szene Frankfurts zu betätigen und möchte heute mit dieser Arbeit auch ein Stück weit verhindern, daß die mich sehr berührenden zeitgeschichtlichen und politischen Dokumente völllig in Vergessenheit geraten.

 

© 1998 Boris Reifschneider heute

Das Interesse an der Arbeit
Mein Interesse an diesem Thema im Rahmen des Sozialgeschichteprojektes war zunächst, Filme, die aus idealistischer und freiwilliger Veranlassung heraus gemacht wurden und nur für Gleichgesinnte gedacht waren, als zeitgeschichtliches und filmisches Dokument näher zu betrachten. Schnell kam ich dabei auf die 80er Jahre und die politischen Basisbewegungen der damaligen Zeit. Während heute allerorten über Politikverdrossenheit geklagt wird, war damals in den Großstädten ein  alternativ-politisches Spektrum aktiv, dessen Zeugnisse mir in Form von Graffitis, Aufklebern und Plakaten auf meinem morgendlichen Schulweg begegneten. Obwohl ich nie dort gewesen bin, wußte ich, daß die Namen Wackersdorf, Brokdorf, Hafenstraße, Mutlangen mehr bezeichneten als nur Orte in Deutschland.
Denn jeden Morgen hörte unsere Familie die Nachrichten und Kommentare um 7 Uhr im Radio, und als ich viel später in Büchern und Magazinen über bestimmte Ereignisse las, fiel mir immer ein ,"davon habe ich doch schon mal gehört", und mir wurde bewußt, wie stark diese Berichterstattung mich geprägt hatte. Gerade auf mich als Kind hat die Angst vor dem Dritten Weltkrieg und die Umweltzerstörung einen bleibenden Eindruck hinterlassen. So denke ich nur mit Schaudern und Kopfschütteln an diese Zeit zurück und weiß trotzdem, daß ich in meinem Charakter die Grundstimmung der damaligen Zeit aufgenommen habe und ihr immer verbunden bleiben werde.

An die Filme, die ich damals im Kino gesehen habe, kann ich mich nur noch dunkel erinnern. Ich war Fan von Tier- und Naturfilmen (z. B. von Heinz Sielmann) im Fernsehen und durch die Familienausflüge am Wochenende "besonders naturverbunden". Obwohl ich mich nur sehr undeutlich daran erinnere, weiß ich noch, daß ich im Kino damals ebenfalls Kinderfilme zur Umweltverschmutzung und -zerstörung gesehen habe, die mir heute noch bewußt sind. Einer war ein schrecklicher Zeichentrickfilm über die Vernichtung einer Walfamilie, ein anderer Spielfilm hatte ebenfalls den Walfang und die Rettung eines in einer Bucht gefangenen Wales zum Thema. KONRAD AUS DER KONSERVENDOSE hieß ein anderer deutscher Film, in dem ich mehrfach war, bei dem ein Kind den Aufstand gegen eine genormte Welt proben muß, um am Leben zu bleiben. Daß dieser Film mir besonders gefallen hat und ich ihn beeindruckend fand, sieht man schon daran, daß mir dessen Titel im Gedächtnis geblieben ist. Ich ging damals etwa alle 2 - 3 Monate ins Kino, und ich weiß noch, daß ich in den Berger Kinos und dem Kommunalen Kino die Kindervorstellungen besucht habe. Später im Gymnasium nutzte ich oft die billigen Kinovorführungen im Zoo. Für Schüler gab es jedes Wochenende einen Kinofilm, der ein paar Wochen zuvor in den regulären Kinos gelaufen war, für DM 3,50 (glaube ich) zu sehen. Hier habe ich eine Vielzahl von Filmen in der zweiten Hälfte der 80er gesehen, zum Beispiel GHOSTBUSTERS 1+2, POLICE ACADEMY, INDIANA JONES 3 und ähnliche Hollywoodstreifen. Da diese billigen Vorstellungen nur bis zu einem bestimmten Alter angeboten wurden (14 oder 15 Jahre), kam es dazu, daß ich in den 80ern mehr ins Kino ging als Anfang der 90er Jahre. Nach dem 16. Geburtstag schaute ich mir ganz andere Filme an, wie zum Beispiel TERMINATOR 2, der mich aber auch sehr stark beeindruckte.

Mit dem Aufkommen des Rechtsextremismus begann ich mich aktiv politisch zu betätigen, ging auf "Antifa-Demos" und fand so den Weg in die linke Szene. Auch in der Anti-Atomkraft Bewegung und bei dem Widerstand gegen die Castortransporte war ich aktiv, und obwohl ich in letzter Zeit weniger Zeit dafür habe, habe ich ein linkes Selbstverständnis und bin daher bei der Bearbeitung der Startbahn-West-Geschichte und ihrer Filme auch nicht unparteiisch. Die Trauer und Resignation um die verlorene Auseinandersetzung des Startbahnbaus ist noch immer in der linken Szene zu spüren und obwohl ich ja niemals direkt damit zu tun hatte, teile ich diese Gefühle.
Besonders nach dem Sehen der Filme war ich wirklich wütend und betroffen, daß diese Bewegung so massiv von den Herrschenden mißachtet wurde und nach den tödlichen Schüssen 1987 so sehr kriminalisiert wurde, daß alles Positive, was die Startbahngegner damals hervorbrachten, verlorenging und vergessen wurde. Heute haben die meisten Jugendlichen mit linker Politik wenig am Hut. Das ist wirklich schade, denn es gab Zeiten, als dies anders war, wo junge Menschen gemeinsam etwas in der Welt ändern wollten. Die Hoffnung, daß die Startbahn-West Bewegung nicht nur als kurioses Phänomen der 80er Jahre in die kollektive Erinnerung eingeht, sondern trotz allem auch eine optimistische Lehre für die Zukunft daraus gezogen werden kann, hat mich bewogen, die Filme der Bewegung zu bearbeiten.

 
 
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DIF, 3.4.2000    

 
 

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