Nina Lehmann
Fesseln spürt, wer sich bewegt
2.2 Meine Stellungnahme zur vorliegenden Arbeit 

Als Kind  und Jugendliche habe ich die Auseinandersetzungen um die Startbahn 18 West hautnah mitbekommen, so lag es nah, sich mit den Filmen dieser Bewegung zu befassen. Sie sind ein zeitgeschichtliches Dokument in einer Ära, in der politisches Engagement stärker zum gesellschaftlichen Leben gehörte als heute. Filme habe ich in dieser Zeit weniger im Kino, als auf Veranstaltungen, wie Hochschulfesten oder Filmabenden in Jugendzentren etc. gesehen.

Ausgehend von der Überlegung, daß es viele Filme neben dem Mainstream gibt, in denen Sozialgeschichte zu Tage tritt, fand ich die Idee, Werke einer politischen Gruppierung zu untersuchen, spannend. Hier zeigen sich schon deswegen andere Themen als in den großen Filmen, da sie meist unabhängig finanziert sind und somit keine Rücksicht auf die kommerzielle Verwertbarkeit nehmen müssen. Der einzige nicht frei finanzierte Film, der hier untersucht wird, ist WERTVOLLE JAHRE. Da dies aber der einzige Film ist, der sich mit dem Prozeß nach den Schüssen vom 2.11.87 beschäftigt, darf er in unserer Arbeit nicht fehlen. Der Tod zweier Polizisten am Frankfurter Flughafen und der folgende Prozeß waren einschneidende  Ereignisse für die Anti-Startbahnbewegung. Ich bin im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen, deswegen lag die Auswahl von Filmen, die aus der Bewegung gegen die Erweiterung des Frankfurter Flughafens entstanden sind, nahe.
Als Kind und Jugendliche habe ich die Auseinandersetzungen um die Startbahn 18 West am Frankfurter Flughafen miterlebt. Ich war zwar nur ein- bis zweimal mit meinen Eltern im Hüttendorf, erinnere mich aber noch sehr gut an die beinahe täglich stattfindenden Demonstrationen gegen die Flughafenerweiterung in Darmstadt. Auch in der Hessenschau habe ich regelmäßig Berichte über die Situation vor Ort gesehen. Außer dem Kurzfilm DIE VERÄNDERUNG habe ich die besprochenen Filme damals nicht gesehen, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern.

Als Mitglied der SJD - Die Falken habe ich mit Freunden an den Demonstrationen und Unterschriftensammlungen für das Volksbegehren gegen die Startbahn teilgenommen. Wir haben in unseren Gruppenstunden über alle möglichen Themen geredet, die mit Ökologie  und Frieden zu tun hatten. Von der Angst vor einem Atomkrieg und der Zerstörung des natürlichen Lebensraums ließ ich mich damals, wie viele andere, anstecken. Es war die Zeit der No-Future Generation und der Punk-Musik. Der Weltuntergang war für das Jahr 1984 vorhergesagt.

Aber es war auch die Zeit der Proteste. Zum Beispiel wurden an den Schulen Aktionen gegen die Startbahn geplant. Die Menschen sind damals nicht nur gegen Umweltzerstörung auf die Straße gegangen: 1982 fand in Bonn eine Friedensdemonstration gegen die Pershing II Stationierung und für die Abrüstung der beiden Blöcke NATO und Warschauer Pakt statt, an der über 300.000 Menschen teilnahmen. Seine Meinung öffentlich zu äußern, gehörte zum politischen Selbstverständnis, nicht nur in der Linken. Ich erinnere mich noch an Demonstrationen des Stadtschülerrates für eine bessere Bildungspolitik", Anfang der 80er, an der Hunderte von Schülern teilgenommen haben. Einer der Sprüche war damals: "Ein Schritt vor, zwei zurück, das ist Hessens Bildungspolitik. An meiner Schule wurden einmal die ersten beiden Unterrichtsstunden bestreikt, damit mehr Lehrer eingestellt und die Klassen kleiner wurden. Viele Schüler hatten Buttons ("Keine Startbahn West - Nachtflugverbot !", "Strauß - Nein Danke!", "Frieden schaffen ohne Waffen", "Schwerter zu Pflugscharen") an die Jacke gesteckt, auf denen ihre politische Überzeugung abzulesen war. Überall an Wänden waren politische Parolen ("Keine Startbahn West - Nachtflugverbot", "Nieder mit dem Faschismus - Nazis raus!", "Stillegung aller AKW's", "Atomkraft- Nein Danke!", "Freiheit für Nicaragua", "Schluß mit der Folter in der Türkei", aber auch schon damals "Ausländer raus! - NPD") gesprüht und an Stromkästen  Veranstaltungshinweise und Demonstrationstermine plakatiert. Auch im Unterricht wurde über den Flughafenausbau und andere ökologischen Themen diskutiert.

Meine ersten Kino-Erinnerungen habe ich an Disney-Filme wie BERNHARD UND BIANCA, SCHNEEWITTCHEN und DAS DSCHUNGELBUCH. Ohne Begleitung von Erwachsenen habe ich mir Louis de Funés Filme angeschaut, von denen ich ganz begeistert war. CHRISTIANE F. - WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO ist der erste deutsche Film, soweit ich mich erinnern kann, den ich im Kino gesehen habe. Dieser Film war "Pflichtprogramm" zur Drogenprävention, deswegen hatte meine Mutter darauf bestanden, ihn mit mir zusammen anzuschauen. Meine Filmerfahrungen sind stark vom Fernsehen beeinflußt. Mit meinen Eltern bin ich eher in das Kindertheater gegangen als ins Kino, da wir ihrer Ansicht nach schon genug vor dem Fernseher saßen.

In den 80ern habe ich viele Filme auf Festen, Filmveranstaltungen in Jugendzentren und in Jugendfreizeiten gesehen. Zu den Filmen, an die ich mich noch erinnern kann, gehören: WIE ANDERE NEGER AUCH, die Filme von Monty Python, DIE FARM DER TIERE, EINE SAISON IN HAKKARI, YOL - DER WEG, BLUES BROTHERS, CARMEN, LIEBE UND ANARCHIE etc. Es war eine bunte Mischung von reinen Unterhaltungsfilmen und politisch ambitionierten Filmen.
Im Fernsehen lief Anfang der 80er eine Fassbinder-Retrospektive, die ich zum Teil mit meiner Mutter gesehen habe. Gerade die neueren Filme wie LILI MAARLEEN oder BERLIN ALEXANDERPLATZ haben mich schon damals beeindruckt und sind mir noch in Erinnerung geblieben. Auch Hitchcock Krimis und die Edgar Wallace-Reihen habe ich mir teilweise im Fernsehen ansehen dürfen.

Ein wichtiger Veranstaltungsort, an dem ich in den Genuß von Filmkunst kam; und der mein Interesse an Film geprägt hat, ist das Weiterstädter Open-Air-Kurzfilmfest. Auf diesem Filmfest, das seit über zwanzig Jahren im Braunshardter Tännchen stattfindet, habe ich schon als Jugendliche Filme gesehen, die ich sonst nie hätte sehen können. Es bietet in erster Linie dem Kurzfilm, aber auch anderen Filmen jenseits des Mainstreams ein großes Publikum. 1999 waren es trotz des mäßigen Wetters ca. 8000 Zuschauer. Dort habe ich DIE VERÄNDERUNG das erste Mal gesehen, der von Filmemachern gedreht wurde, die zu den Organisatoren des Filmfestes gehören.

 
 






















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DIF, 3.4.2000    

 
 

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