Nina Lehmann / Boris Reifschneider
Fesseln spürt, wer sich bewegt
4.1  KEINE STARTBAHN WEST - TRILOGIE EINES WIDERSTANDS
      (Teil 1 - Meint ihr, damit läßt sich der Fortschritt aufhalten?) von HE-Film, 1979
 

Die Entstehung des Filmes und die Absichten der Filmemacher

TRILOGIE EINES WIDERSTANDES besteht aus drei Filmen, die ursprünglich nicht als Teile der Trilogie konzipiert waren. Die Teile sind ästhetisch und inhaltlich nicht in der gleichen Art aufgebaut, jeder kann auch unabhängig für sich stehen. Wir haben den ersten ausgewählt, der sich unschwer als Agitpropfilm zu erkennen gibt. Der Filmtitel MEINT IHR, DAMIT LÄSST SICH DER FORTSCHRITT AUFHALTEN? zitiert den Ausspruch eines FAG-Sicherheitsmann beim Anblick der Kamera. Die Filmemacher der HE-Film, Thomas Frickel, Gunter Oehme und Wolfgang Schneider standen der Bürgerinitiative sehr nahe und waren jahrelang am aktiven Widerstand gegen die Startbahn beteiligt. Mit ihren Filmen wollten sie Bürger davon überzeugen, daß es wichtig ist, sich gegen den Bau der Startbahn 18 West aktiv zu wehren. Sie hatten den Anspruch, die Argumente der Bürgerinitiative mit filmischen Mitteln zu verbreiten.

Inhalt des Filmes

Der Vorspann fängt mit einem Schwarzbild an, zu dem eine Sprecherin ein Essay vorträgt.

"Wenn die Sonne aus der Wiese taucht, läßt sich die Luft begreifen, so schwer ist sie von Tau und Nacht. -- Keine Angst, wir halten Euch nicht auf. Euer Tag ist die Straße, die Stadt, der Betrieb, laßt die Sonne doch den Zweiflern und folgt den Bahnen ins gelobte Land. Im Sauerstoffzelt atmet die neue Zeit Kerosin und Fortschritt. Doch wer kann heute noch von Bäumen sprechen, wenn niemand weiß, was ein Baum ist."

Dann folgen idyllische Bilder intakter Natur: Sonnenstrahlen im Wald, ein See im Morgennebel und Wild, das auf einer Wiese grast. Durch ein startendes Flugzeug eingeleitet, beginnt der Film. Es werden Aufnahmen von den Rodungen der Fläche gezeigt, die für die Startbahn 18 West vorgesehen ist. Ein Sprecher informiert sowohl über die momentane Situation als auch über die Pläne der Flughafen AG. Danach werden Argumente gegen den Ausbau des Flughafens vorgebracht. Ein Pilot wird interviewt, der der Meinung ist, daß durch eine Umstrukturierung der Flugpläne der Bau einer weiteren Startbahn unnötig wäre. Nur für eine Kapazitätserweiterung wäre der Bau einer weiteren Landebahn nötig. Außerdem hinge über dem Rhein-Main-Gebiet schon jetzt eine Schmutzschicht, deswegen sei der Wald als Naherholungsgebiet so wichtig. Zu diesen Ausführungen werden verschiedene Industriebetriebe der Region gezeigt. Auf dem letzten Bild, das die Firma Caltex in Raunheim zeigt, läuft ein Rolltext, der aus dem Umweltprogramm des DGB zitiert. Dort steht unter anderem, daß die Umweltbelastung „in immer stärkerem Maße zu einer Bedrohung für Gesundheit und Leben des Menschen" wird. Gerade die Arbeitnehmer hätten ein vitales, aber auch wirtschaftliches Interesse an Umweltschutzmaßnahmen.

Als Kontrast dazu werden im Anschluß Manfred Schölsch und Heinz Wolf (Landesvorsitzender der ÖTV Hessen) auf einer Podiumsdiskussion des DGB-Ortskartells Rüsselsheim gezeigt, die beide für den Ausbau der Startbahn plädieren, unter anderem auch deswegen, weil damit Arbeitsplätze gesichert werden könnten. Ihre Statements werden wieder mit dem Umweltprogramm des DGB konfrontiert:

"Umweltschutz und Arbeitsplatzsicherung dürfen nicht länger gegeneinander ausgespielt werden."

Danach werden Spaziergänger und Fahrradfahrer auf den Mönchbruchwiesen gezeigt. Das Erholungsgebiet ist, nach Meinung des Kommentators, von dem Bau der Startbahn bedroht. Im Anschluß sind ein Informationsstand und Protestplakate vor Ort zu sehen. Auf einer Kundgebung gegen die Startbahn West am 6. Mai 1979 bekräftigt der Landrat des Kreises Groß-Gerau Willi Boldt seine Unterstützung: er möchte "auf friedlichem und legitimem Wege den Bau der Startbahn 18 West [zu] verhindern, [...] Ihre Interessen sind auch unsere Interessen [...]". Als Gründe nennt er die fehlende ökonomische Notwendigkeit des Baues, den unverantwortlichen Waldverlust, die weiteren erheblichen Umweltbelastungen, aber auch die unzumutbare Beeinträchtigung der Bauleitplanung der Gemeinden, die daraus resultieren würden. Dem Argument der Arbeitsplatzsicherung widerspricht der Vorsitzende des Bundesverbands der Bürgerinitiativen Umweltschutz Hans Günther Schumacher: Seiner Ansicht nach werde Arbeitslosigkeit benutzt als ein "Hebel der Angst, mit dem mehr Macht und mehr Profit in die Taschen Weniger hinein gewirtschaftet werden soll. [...] Die Zeche zahlen nicht wir, die Zeche zahlen unsere Kinder." Er garantiert dem Widerstand seine Unterstützung und wünscht den Demonstranten viel Erfolg. Mit Aufnahmen der Kundgebungsteilnehmer endet der erste Teil der Trilogie, über eine Naheinstellung von einer Mutter mit einem Kind auf dem Arm laufen die Tafeln des Abspanns:

Im Abspann werden nicht nur diejenigen erwähnt, die dem Filmteam bei der Realisation des Werkes geholfen haben, sondern man bedankt sich auch ferner bei: „der Flughafen–AG Frankfurt für einen tätlichen Angriff auf das Filmteam, unserer Polizei für die vielen Kontrollen, dem Hessischen Forstamt Mörfelden für eine Anzeige und einigen Bürgermeistern für falsche Versprechungen." Auf der letzten Tafel steht: "Meint Ihr, damit lässt sich der Fortschritt aufhalten?" fragten Angehörige des FAG-Sicherheitsdienstes und zeigten auf unsere Kamera, während Bulldozer ein weiteres Waldstück niederwalzten.

Zusammenfassende Interpretation:

"Wenn die Sonne aus der Wiese taucht, läßt sich die Luft begreifen, so schwer ist sie von Tau und Nacht. -- Keine Angst, wir halten Euch nicht auf. Euer Tag ist die Straße, die Stadt, der Betrieb, laßt die Sonne doch den Zweiflern und folgt den Bahnen ins Gelobte Land. Im Sauerstoffzelt atmet die neue Zeit Kerosin und Fortschritt. Doch wer kann heute noch von Bäumen sprechen, wenn niemand weiß, was ein Baum ist."

Der zu Beginn rezitierte Text macht die Ablehnung der Fortschrittsgläubigkeit zugunsten einer Naturverbundenheit seitens der Filmemacher deutlich. Die Natur wird in den ersten Bildern als ein zu bewahrendes Gut gezeigt. Auf einer idyllischen Wiese grast Rotwild, eine Ente schwimmt auf einem von Nebelschwaden bedeckten See, die Bäume stehen im satten Grün. Nichts stört diese Ruhe und die Schönheit der Natur, bis ein Flugzeug startet. Damit beginnt der eigentliche Film. Im Vorspann wird die Natur somit als Wert gezeigt, der vor der Startbahn beschützt werden muß. Die romantischen Aufnahmen des intakten deutschen Waldes mit seinem Wildbestand appellieren an das Heimatgefühl und die Naturverbundenheit der Zuschauer. Als Gestaltungsmittel werden verschiedene Arten von Musik verwendet. So sind beispielsweise die Naturaufnahmen vor dem Titel von ruhiger Musik begleitet und wirken dadurch noch harmonischer. Mit dem Start eines Flugzeuges wird die Musik unruhiger, jazziger, sie begleitet die Brutalität des Baggers, der Bäume niederwalzt. Dann folgen Bilder der schwelenden Feuer, in denen das gerodete Holz verbrannt wird. Die Unruhe der Musik stört den Zuschauer, wie der Fluglärm die Tiere stört. Die ruhigere Musik hingegen begleitet alle Szenen, in denen Menschen die Natur genießen oder die Schönheit der Natur dargestellt wird. Im Gegensatz zu dem zweiten Film der Trilogie hat der erste Teil in erster Linie den Anspruch, informativ und nachprüfbar zu sein. So werden die Aussagen des hessischen ÖTV-Vorsitzenden Heinz Wolf mit dem Umweltprogramm des DGB montiert, um so Widersprüche aufzuzeigen. Die Beschreibung der Entwicklung der Auseinandersetzung um die Flughafenerweiterung wird mit Zeitungsartikeln unterlegt, die die Dauer der Kontroverse belegen. Als weiterer Garant für fachliche Kompetenz wird ein Pilot interviewt, der gleich am Anfang erklärt, warum der Startbahnbau gar nicht nötig sei. Es werden die Quellen der Argumentationslinien genannt, um glaubwürdig zu sein. Unterstützt wird der Wahrheitsanspruch von dem Kommentator, der in einem belehrenden Ton von den Auswirkungen des geplanten Flughafenausbaus spricht. An wenigen Stellen wird versucht, die Gegenseite lächerlich zu machen. Zum Beispiel durch das Einfrieren des Gesichtes von Heinz Wolf zu einem unansehnlichen Standbild, während er sich für den Bau der Startbahn ausspricht.

MEINT IHR, DAMIT LÄSST SICH DER FORTSCHRITT AUFHALTEN? ergreift klar Partei gegen die Startbahn 18 West und will an die Gefühle der Menschen appellieren, indem er eine Polarität zwischen umweltzerstörender Industrie und Natur- bzw. Waldidylle aufbaut. Nach Aufnahmen grauer Betonfassaden von Industriebetrieben im Rhein-Main-Gebiet wird ein Paradies der Naherholung gezeigt, wo alle Menschen sich an der Natur erfreuen können. Allen Altersgruppen scheinen der Wald und die Mönchbruchwiesen etwas bieten zu können: Von den Kindern, die Boote schwimmen lassen; über die Jugendlichen, die sich treffen; bis hin zu den Berufstätigen und den Rentnerpaaren, die in der sommerlichen Natur spazierengehen. Das Nebeneinander und Miteinander scheint frei von Ärger und Konflikten zu sein. Die im Film aufgebaute Oase wird durch die Flughafenerweiterung bedroht. Durch geschickte Montage wird aus den einzelnen Ausflüglern scheinbar ein kleiner Protestzug und schließlich die Kundgebungsteilnehmer im Mai 1979. Die Zuschauer sollen sich angesprochen fühlen, ebenfalls beizutreten und gegen die Startbahn Stellung zu beziehen. Immer wieder macht der Film deutlich, daß es um Natürlichkeit versus Zwang und Zerstörung geht. Die Zukunft der kommenden Generationen scheint durch diese Umweltzerstörung bedroht zu sein, wie es der Vorsitzende des Bundesverbands der Bürgerinitiativen Umweltschutz Hans Günther Schumacher in seiner Rede darstellt. Bildlich bekräftigt wird diese Furcht in der langen Schlußeinstellung, in der eine Frau mit Kind auf dem Arm in die Kamera blickt. Diese letzte Aufnahme bildet den Hintergrund für den Abspann. Hier spiegeln sich zwei Motive, sowohl des Filmes als auch der 80er Jahre, wider: generelle Zukunftsangst auf der einen, die Bereitschaft zum gemeinsamen Protest auf der anderen Seite. Nichts stört diese Ruhe und die Schönheit der Natur, bis ein Flugzeug startet.

 

Zeitgeschichtlicher Hintergrund des Filmes:

Der Film ist mit dem Ziel gemacht worden, noch Unentschlossene oder noch nicht Aktive davon zu überzeugen, daß es wichtig sei, gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens zu protestieren. Er ist 1979 entstanden, zu einer Zeit, in der es noch möglich und auch nötig war, mehr Bürger zu mobilisieren, wollte man die Startbahn 18 West verhindern. Neben eingefleischten Befürwortern und absoluten Gegnern gab es immer noch Unentschlossene, die noch nicht wußten, welchen Argumenten sie Glauben schenken sollten. Außerhalb der unmittelbaren Umgebung des Frankfurter Flughafens waren die Pläne noch nicht allen Bürgern bekannt; diese Menschen galt es auf die Seite der Startbahngegner zu ziehen. Die Filmemacher der HE-Film waren seit Jahren in den Widerstand integriert. Während andere Informationsstände in den Innenstädten organisierten, leisteten die Filmemacher mit diesem Film ihren Beitrag zu der gemeinsamen Überzeugungsarbeit.

 
   
 







 
 





 




















 
   
 
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DIF, 3.4.2000    
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