Nina Lehmann / Boris Reifschneider
Fesseln spürt, wer sich bewegt
4.2 DIE VERÄNDERUNG von Jochen und Hans Pollitt und Bernd Kaiser (1984)  



Zur Entstehung des Films und den Absichten der Filmemacher:

Der Film ist von dem "Regie-Trio" Bernd A. Kaiser, Hans J. Pollitt und Jochen Pollitt gedreht worden. Alle drei arbeiten im Kommunalen Kino Weiterstadt. Sie sind unter anderem die Gründer und Mitorganisatoren des Weiterstädter Open-Air-Kurzfilmfestes, das seit 22 Jahren im Braunsharter Tännchen stattfindet. Das Festival bietet vor allem jungen, ambitionierten Filmern die Möglichkeit, ihre Werke einem stetig wachsenden Publikum vorzustellen (1997 waren es abends bis zu 3000 Zuschauer). Was mit einer "Kiste Bier und einem Super-8-Projektor auf einem VW-Bus" und ein paar Amateurfilmern begann, hat sich inzwischen als überregional bekanntes Forum für den Kurzfilm etabliert. Das Programm reicht von Dokumentationen über Spielfilme bis zu Experimentalfilmen. In ihrem experimentellen Kurzfilm DIE VERÄNDERUNG wollten die Filmemacher ihrer Wut über die Vorkommnisse an der Startbahn 18 West Ausdruck verleihen. Sie wollten vielen Menschen ihre Erlebnisse zugänglich machen, ohne auf Agitpropmethoden zurückzugreifen. Ihnen ging es darum, einen emotionalen Film zu drehen. Der Anlaß, den Film nach einer kurzen Unterbrechung fertigzustellen, war der Ärger über Wahlplakate, von denen an jeder Ecke jene Politiker herunterlächelten, die für die Auseinandersetzungen an der Startbahn verantwortlich waren. Diese bekamen die Filmemacher unmittelbar mit, da sie auch vor Ort Widerstand leisteten. Dieser Film war auf vielen Festivals, unter anderem in Kanada und Australien, zu sehen und bekam 1985 in Bludenz den Sonderpreis für den engagiertesten Umweltfilm. In der Begründung für die Entscheidung hieß es:

"In der Tradition klassischer Politfilme gemachter Beitrag zu den Protesten gegen die Startbahn 18 West, Frankfurt. Emotional gehaltener Film, der die unbestreitbar vorhandenen Gegensätze zwischen Politik und aktivem Umweltschutz kompromißlos aufzeigt."

Inhalt des Films:

Der Film zeigt in vier Teilen die Auseinandersetzungen um den Bau der Startbahn West, vom Abholzen des Waldes bis zu einem Demonstranten, der Scheiben einschlägt, nach den Polizeieinsätzen. Wie die Natur verändert wird, so verändern sich die Demonstranten: Aus mit gelben Regenmänteln bekleideten Kundgebungsteilnehmern werden Hüttendorfbewohner, aus von der Polizei geschlagenen Demonstranten Steinewerfer. Zwar werden die Polizisten als Aggressoren dargestellt, aber im Gegensatz zu anderen Anti-Startbahn-Filmen wird kein Zweifel daran gelassen, daß die Schuld und die Verantwortung für die brutalen Polizeieinsätze bei den Politikern liegt. Der Film beginnt mit der Startbahnmauer, die für die Startbahngegner zum Symbol des verlorenen Kampfes gegen die Pläne der Landesregierung und der FAG geworden ist. Immer wiederkehrende Kamerafahrten entlang dieser Mauer trennen die einzelnen Filmteile voneinander. Im Verlauf des Filmes nehmen die Bemalungen und Beschriftungen (Diese Sprüche lauten unter anderem: "Börner weg hat kein Zweck", "FAG Waldklauer", "Nieder mit dem Kapitalismus KPD" ; "Statt Reagan Schauer Startbahnpower jeden Sonntag an der Mauer", "Keine Startbahn West - Trotz eurer Waffen, wir werden es schaffen", "An meine Haut lasse ich nur Wasser und CN.") auf der Mauer zu, in denen sich die Meinungen und Emotionen der Widerständler spiegeln.

Die beiden ersten Teile des Films handeln von dem Protest vor dem Bau der Startbahn 18 West. Im ersten Teil wird eine Kundgebung zu Beginn der Proteste im Wald gezeigt. Im zweiten folgen Aufnahmen von dem zerstörten Wald und abgefilmte Photographien von anderen Demonstrationen, auf denen immer wieder Polizei-Angriffe sehen sind. Das idyllische Leben im Hüttendorf wird in diesem Teil genauso dargestellt, wie das Einreißen der Hütten durch Bulldozer. Dazwischen gibt es immer wieder lange Kamerafahrten über die gerodeten, leblosen Waldflächen. Den Abschluß bildet eine Aufnahme vom hessischen Wappentier, das in seiner Löwenpranke einen blutigen Polizeiknüppel hält. Gegenstand des dritten Teils ist der Widerstand an der nun schon gebauten Mauer um das Gelände der Startbahn 18 West. Friedliche Demonstranten werden von der Polizei erst begleitet, dann mit Schlagstöcken und Wasserwerfern vertrieben. Am Ende flüchtet in einer nachgestellten Sequenz eine Person durch den Wald. Im vierten Teil werden wieder Polizeieinsätze gezeigt, bei denen gegen friedliche Demonstranten vorgegangen wird. Zwischen diese Aufnahmen sind immer wieder Bilder des knüppelschwingenden Hessenlöwen und Köpfe von Politikern geschnitten, die maßgeblich an der Durchsetzung des FAG-Projektes mitgewirkt haben. Der am häufigsten gezeigte Verantwortliche ist Holger Börner, aber auch Bilder von Alfred Dregger und Ekkehard Gries werden verwendet. Die Sequenz endet mit einer Aufnahme von einem Teil der Mauer mit der Aufschrift "Hessen vorn". Im Anschluß wird ein Vermummter gezeigt, der eine Scheibe einschlägt und danach unter einer Brücke hervorläuft, an deren Pfeiler "Scheiben klirren und ihr schreit, Menschen sterben und ihr schweigt" gesprüht ist. Im Rennen zieht der Startbahngegner sich die Sturmmaske vom Kopf und läuft auf die Kamera zu. Dazwischen gibt es immer wieder lange Kamerafahrten über die gerodeten, leblosen Waldflächen.

Zusammenfassende Interpretation des Filmes:

Sehr eindrucksvoll sind in diesem Film die langen Kamerafahrten. Sie geben den Zuschauern einen Eindruck der Situation und zeigen die Veränderungen auf dem Gelände der Startbahn 18 West. Mit der Fahrt entlang der Mauer wird deren Unendlichkeit suggeriert, die Filmemacher lassen dem Betrachter Zeit, dieses Bauwerk auf sich wirken zu lassen und gleichzeitig die Beschriftungen zu lesen. Der Blick auf den gerodeten Waldboden wird mit einem Schwenk von einem gefällten Baumstumpf nach unten eingeleitet, danach schwebt die Kamera knapp über den Waldboden hinweg - so werden die Verwüstungen und die Weite des Areals sichtbar. Während in den Aufnahmen des gerodeten Waldes am Anfang ein satter, nährstoffreicher Waldboden zu erkennen ist, wirkt er später wie eine unwirkliche Mondlandschaft. Nach der Hüttendorfräumung steht als Symbol der Macht und als ein Zeichen des Sieges ein Polizeischild mit einem darauf gesetzten Helm vor dem abgerissenen Hüttendorf, das wie ein erobertes Gebiet von NATO-Draht umgeben ist.

Die Filmemacher experimentieren mit verschiedenen Gestaltungsarten: Während der Anfang des Filmes den Widerstand mit der Kamera neutral dokumentiert, werden die ersten Polizeieinsätze mit rhythmisch geschnittenen Photos dargestellt. Durch die Schnelligkeit des Schnittes wirken hier die Aufnahmen wie Blitzlichter der verschiedenen Situationen und werden durch die Geschwindigkeit zu einem Ganzen. Dadurch erreichen die Filmemacher eine Steigerung in der Brutalität der Polizeieinsätze. Die Standbilder lassen dem Zuschauer am Anfang noch die Möglichkeit der Distanz, zumal sie teilweise so schnell geschnitten sind, daß man sich auf den Bildinhalt konzentrieren muß. Danach werden Polizeieinsätze gezeigt, die mit dramatischer Musik unterlegt sind. Sie beginnen mit einem Handgemenge und münden in eine nachgestellte Fluchtszene, an deren Ende der "Hessenlöwe" mit einem blutbeschmierten Knüppel in der Pfote steht.

Eine der besten Sequenzen sind die im Takt der Musik aneinandergereihten Ausschnitte aus Wahlplakaten von Politikern, Prügelszenen an der Startbahn und der "Hessenlöwe". Von dem Lächeln Börners ausgehend wird zurückgezoomt, so daß der ganze Kopf sichtbar wird; das Lächeln wirkt in der Montage wie ein hämisches Grinsen. Diese Einstellung wiederholt sich ein paarmal und wird mit dem "Hessenlöwen" kombiniert. Es folgen Aufnahmen von Polizisten, die Demonstranten schlagstockschwingend hinterherrennen, danach von Köpfen anderer Politiker, an die wiederum Aufnahmen von knüppelnden Polizisten geschnitten sind. Eine Frau wird gezeigt, die über der Schläfe eine blutende Wunde hat. Darauf sind Bilder von Händen der Politiker und später wieder deren Köpfe zu sehen. Zwischen diese Aufnahmen sind die Festnahme einer Frau und Polizeieinsätze montiert. Die Einstellungen werden immer kürzer und kommen so, auf den Takt der Musik geschnitten, zu einem Höhepunkt. Gegen Ende der Sequenz tauchen wiederholt Politikerhände im Bild auf, die zum Schwur erhoben sind. Direkter kann eine Anklage gegen die Politiker wohl kaum sein.

Die Filmemacher lassen keinen Zweifel daran, was sie von dem Vorgehen der Staatsmacht im Zusammenhang mit der Durchsetzung der Erweiterung des Frankfurter Flughafen halten. Bilder der immer wiederkehrenden Mauer, die das Areal der 18 West umschließt, ist unterlegt mit Tönen, die sich anhören, wie die letzten Herztöne eines sterbenden Embryos. Die Aufnahmen bekommen so einen unwirklichen Touch, durch die akustische Begleitung wirken sie wie eine Anklage gegen die Erbauer des Projektes. Der Film zeigt, wie sich die Ohnmacht gegenüber den Entscheidungen der Politiker bei manchen in Wut verwandelte, die nach den Erlebnissen an der Startbahn, an Gegenständen ausgelassen wurde. Dies wird in der letzten, nachgestellten Szene offensichtlich, in der der Vermummte eine Scheibe einwirft. Der Spruch "Scheiben klirren und ihr schreit, Menschen sterben und ihr schweigt" an der Brücke zeugt von der Scheinheiligkeit derer, die sich wegen Sachbeschädigung aufregen, denen aber das körperliche Leid völlig egal ist. Die Angst und Machtlosigkeit gegenüber der Staatsgewalt und die daraus resultierenden Aggressionen werden in diesem Film sichtbar.

 

Zeitgeschichtlicher Hintergrund des Filmes:

Der Film ist 1984, im Jahr der Inbetriebnahme der umstrittenen Startbahn West, entstanden. Zu dieser Zeit trafen sich Woche für Woche die sogenannten Sonntagsspaziergänger, um an der von ihnen "Schandmauer" getauften Umgrenzung der Startbahn 18 West ein Zeichen ihrer Unzufriedenheit zu setzen. DIE VERÄNDERUNG rekapituliert die Entwicklungen auf seiten der Startbahngegner und die Umstände, die zu ihrer Radikalisierung geführt haben. Der Film erklärt die Wut und die Bereitschaft zur Gewalt gegen Sachen, die bei manchen Demonstranten vorhanden war.

In der Presse fanden sich zu dieser Zeit immer weniger Berichte über die Proteste gegen die Startbahn. In der Öffentlichkeit wurde meistens nur von spektakulären oder gewalttätigen Aktionen gesprochen. Journalisten waren, wenn überhaupt, an den Jahrestagen oder bei Großdemonstrationen vor Ort, alle anderen Berichte stützten sich fast ausschließlich auf Polizeiangaben und waren dementsprechend einseitig. Der Protest gegen die Startbahn 18 West interessierte im Vergleich zu den anfänglichen Massendemonstrationen nur noch einen Bruchteil der früher aktiven Startbahngegner. Viele andere hatten resigniert oder sich andere Schwerpunkte für ihr politisches Engagement gesucht. Trotzdem kamen an jedem Jahrestag der Hüttendorfräumung, dem 2. November, noch Tausende in den Wald, um zu zeigen, daß sie sich immer noch nicht mit dem Bau und der Art seiner Durchsetzung zufriedengaben.

 















 





 
 







 
 















 
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DIF, 3.4.2000    
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