Nina Lehmann / Boris Reifschneider
Fesseln spürt, wer sich bewegt
4.3 DEUTSCHES TAGEBUCH, Teil 3: Startbahn West

Der Film rollt die Ereignisse der Startbahn 18 West chronologisch wieder auf. Videoclipartige Montagen, bei denen der Filmemacher Querverweise auf die "mythologischen Tiefenschichten" der Deutschen und "ihren Wald" zeigt, machen einen wichtigen Teil des Films aus. Aus formaler Sicht der "schlechteste" der untersuchten Filme ist gerade wegen seiner "trashigen" Art ein authentisches und faszinierendes Dokument der 80er Jahre.

Über den Film und den Filmemacher:

Wolf Pauls-Kolmer (Jahrgang 1944) studierte Betriebswirtschaftslehre, besuchte auch Veranstaltungen der Gesellschafts- und Geisteswissenschaft und war in der Studentenbewegung 1968 politisch aktiv. Schon damals und bereits davor filmte er mit Normal-8 Kameras, um Ereignisse zu dokumentieren, zum Beispiel die Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze. Er war langjähriges Mitglied des Filmbüros Hessen und ist heute Politik- und Geschichtslehrer.

Die Teilnahme an Filmseminaren von Alexander Kluge in Frankfurt hatte großen Einfluß auf die Arbeitsweise Wolf Pauls-Kolmers. Diese haben den Regisseur inspiriert, nach Kluges Kollagetechnik zu filmen. Die Vielschichtigkeit von Ereignissen ist über Brechungen zu zeigen, sogenannte "Prismabrechungen" sollen dem Zuschauer ermöglichen, das konkret Gezeigte anders interpretieren zu können.

Das DEUTSCHE TAGEBUCH war als Triologie geplant, der Filmemacher hatte den Anspruch, historische und aktuelle Ereignisse aufeinander zu beziehen. Dabei ging es ihm immer um politische Themen, die er in diesen Filmen analysieren wollte. So hatte er zunächst keinen direkten Bezug zum Startbahnprotest, er beschränkte sich auf eine "teilnehmende Beobachtung mit Filmkamera". Darausb entstanden die Aufnahmen in lockerer Folge zwischen 1980 und 1982. Die soziale Bewegung zu untersuchen und "völlig unstrukturiert zu sammeln" war am Anfang seine Methode. Doch Pauls-Kolmer hat sich von der Bewegung anstecken lassen. Die Kommentare und Aussagen der Startbahngegner, die auch im Film vorkommen, haben ihn so stark beeindruckt, daß er mit den Leuten zu sympathisieren begann und ebenfalls ein Statement gegen die Startbahn liefern wollte. Da er wegen seines Berufs nicht regelmäßig an allen Aktionen teilnehmen konnte, betrachtet Pauls-Kolmer sein DEUTSCHES TAGEBUCH , Teil 3 als seinen Beitrag zur Startbahnbewegung.

Zur Struktur des Films
Das Grundgerüst seines Films sollten der Zeitablauf der Ereignisse und der Dokumentarismus, mit dem er die Geschehnisse festhalten wollte, sein. Doch während der Auseinandersetzung mit der Startbahnbewegung kam eine weitere Dimension hinzu, das Thema "Naturbeseelung". Ihm ging es darum, die "mythischen Tiefenschichten" der Deutschen, die sich auch in dieser Bewegung fanden, zu zeigen. Der Wald als zentraler Mythos der Deutschen in den letzten Jahrhunderten sollte bei dem Startbahnprotest exemplarisch herausgearbeitet werden. Dazu verwendet Pauls-Kolmer "Assoziationsbrücken", diese setzen beim Rezipienten aber zumindest minimale Kenntnisse der deutschen Mentalität vorau - sonst bleiben die Anregungen unverstanden.

 
 
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DIF, 3.4.2000    
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