Jürgen Keiper
Einführung

DIE HALBSTARKEN, Georg Tressler, BRD 1956

Im Winter 1997 setzten sich Studenten und Dozenten der Goethe-Universität sowie Mitarbeiter des DIF zusammen und skizzierten die Umrisse eines Projektes zur deutschen Filmgeschichte. Hierbei kristallisierten sich zwei Schwerpunkte heraus. Im Mittelpunkt sollte ein sozialgeschichtlicher Ansatz stehen, der die Filme vor dem Hintergrund der politischen und historischen Situation der Bundesrepublik interpretiert. Nicht Film als Kunst noch akademische Steilvorlagen für die Filmtheorie waren gefragt. Zum anderen bestand ein Konsens darüber, daß sich die heutige Generation ihre eigenen Maßstäbe für die Bewertung der Filmgeschichte gebildet hat. Deshalb wurde auf Vorgaben und auf die damit verbundene Kanonisierung verzichtet. Ausgehend von den individuellen Interessen sollten andere Filme einbezogen oder bekannte Filme neu interpretiert werden. In diesem Spannungsfeld entstand die nun vorgestellte Lektüre zu 50 Jahren bundesrepublikanischer Filmgeschichte.

Das Ergebnis überrascht auf vielerlei Ebenen. Beim Lesen erinnert man sich an Chris Markers Bemerkung, daß ihn am meisten jene Briefe interessierten, die nie abgeschickt worden seien. Hier findet man oft Filme, die nie angekommen sind. Der "Neue Deutsche Film" mit Fassbinder und Kluge findet kaum Beachtung, ebenso der Dokumentarfilm. Diese Auslassungen sind aber kein Mangel, denn an ihre Stelle sind die neuen "Filme ohne Titel" getreten: GRÖNLAND etwa von Jens Becker (BRD 1990) oder NOT A LOVE SONG von Jan Ralske (BRD 1996/97), beides kompromisslos nüchterne Filme über die Bundesrepublik in den 90er Jahren.

Ähnliches gilt für die Filme, die im Umfeld der Proteste gegen die geplante Startbahn West entstanden sind. Trotz ihrer oft typischen Mischung von Agitprop und Popkultur stehen sie dennoch dem klassischen Verständnis von Sozialgeschichte am nächsten: Sozialgeschichte als Alltagsgeschichte, als Geschichte von unten. Oder wie Klaus Wildenhahn es einmal sinngemäß formulierte: Denen eine Stimme geben, die keine besitzen. Diese Filme zeigen Sozialgeschichte, sind Teil von sozialen Bewegungen. Für den Großteil der bundesdeutschen Filmproduktion gilt dies nicht. Filme wie WINNETOU oder MUSIK, MUSIK, DA WACKELT DIE PENNE müssen erst durch analytische Verfahren produktiv gemacht werden, damit sie etwas über die Befindlichkeit dieses Landes zu erzählen. Diese Verfahren bestehen sowohl in der Analyse von Genrestrukturen als auch in der Isolierung einzelner Handlungsmuster und Motive.

Die Autoren entdecken hierbei Eskapismus und Exotismus, Angst und Verunsicherung. Auffällig oft gilt übrigens die Sympathie der Autoren nicht dem Autorenkino, sondern dem populären Film. Keine dieser Verfahrensweisen ist objektiv, im Gegenteil. Und so erfährt man auch etwas über die Kluft zwischen einer Cineastengeneration, für die der Kinobesuch ein Ritual war und welche die Kanonisierung wieder besseren Wissens vorangetrieben hat, und einer modernen Mediengeneration, die mit einem immensen Bildervorrat aufgewachsen ist. Man kann viel über das Veralten von Filmen aus den Texten der Autoren herauslesen und damit über die Historizität der Filmrezeption. Viele Meisterwerke erscheinen heute unzeitgemäß, andere Filme, wie etwa die Heinz Erhard-Filme, sind wieder Kult geworden. Auch darüber gibt das Projekt Auskunft.

 
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DIF, 3.4.2000