Bettina Jäger
Ein unheimlich starker Abgang oder die Genealogie des Scheiterns
1. Kino der Reflexe - Einleitung
SUPERMARKT, Roland Klick, BRD 1973

"Ich glaube, daß das Scheitern die einzige Form von wirklichem Sieg ist, die der Mensch davontragen kann, weil er nur im Scheitern das Scheitern besiegen kann. 
[...] Wir sind durch das Scheitern in die großartige Lage versetzt, unseren eigenen Sieg zu relativieren und für wichtig zu nehmen, daß wir gerungen haben. Das Bewußtsein schult sich in der Niederlage." 
Roland Klick [1]

Der Ausgangspunkt meines Themas und die daraus resultierende Filmauswahl war eine Irritation: Das Gros der von uns gesichteten Filme richtet den Fokus auf eine radikale Destruktion gesellschaftlicher Strukturen. Anhand von Einzelschicksalen beleuchten die Filme den Verfall sozialer Bindungen (soweit überhaupt vorhanden) und das Scheitern einer Strategie des Über-Lebens. Es wird das Bild einer Gesellschaft gezeichnet, die die Bedürfnisse des Einzelnen negiert. Sie läßt dem Individuum keinen Freiraum, eigene Wege und Ziele zu verfolgen, eigene Utopien zu entwickeln. In den Filmgeschichten zeigt sich die Konsequenz dieser Repressionen in einem ziellosen Hin oder Her der Protagonisten, einerseits der Wunsch, etwas ändern zu wollen, andererseits die Unfähigkeit, dies auch in die Tat umzusetzen. Sprachlos in Anbetracht der Situation und zerrissen zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Anforderungen der Gesellschaft beschränkt sich der Wille zur Veränderung allein auf die Bekämpfung der Lethargie. Die Lösungen, die diese Filmgeschichten präsentieren, sind drastisch, meist entledigen sich die fast ausschließlich männlichen Protagonisten ihrer Peiniger durch Mord, töten sich selbst oder fallen in Lethargie. Die Filme präsentieren hier Charaktere, mit denen man sich ungern identifiziert, deren Handlungen sich nicht einfach nachvollziehen lassen und deren Verhalten verstörend wirkt. Betrachtet man diese Charaktere jedoch in der Erwartung einer Konditionierung auf glatte, eingängige Filmfiguren, so wie sie das amerikanische Mainstreamkino präsentiert, werfen uns diese Figuren auf uns selbst zurück. Sie verkörpern nicht den idealen Typus des Menschen, sondern ein Individuum mit all seinen Ambivalenzen.

 

[1] Worschech, in epd-film H. 9, 1992. S. 24.

DIF, 3.4.2000    

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