Bettina Jäger
Ein unheimlich starker Abgang oder die Genealogie des Scheiterns

2. Auf der Suche nach Wirklichkeit - Die Filme
Silke Kulik in: DAS UNHEIL, Peter Fleischmann, BRD  1970

Die Filmgeschichten entspringen ganz unterschiedlichen Quellen. Peter Fleischmanns DAS UNHEIL (1970) und Michael Verhoevens SONJA SCHAFFT DIE WIRKLICHKEIT AB ODER EIN UNHEIMLICH STARKER ABGANG (1973) nehmen ihren Ausgangspunkt in der Literatur, ohne jedoch Literaturverfilmungen zu sein. Christel Buschmanns GIBBI WESTGERMANY (1979/80) entstand aus einem Gefühl von "Wut im Bauch"[6 ]und Roland Klicks SUPERMARKT (1973) basiert auf Autobiographie. Der gemeinsame Nenner ist jedoch bei allen Geschichten das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Peter Fleischmanns Film entstand in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Martin Walser. Dieser transponiert "am deformierten Modell einer Provinzstadt und ihrer Bewohner [...] eine menschliche und gesellschaftliche Zustandsbeschreibung zum Mißstandsporträt unserer Wirklichkeit."[7] Einer dieser Bewohner ist der Protagonist, Hille Vavra, an ihm statuiert Fleischmann sein Exempel einer auf die politische, ökologische und intellektuelle Apokalypse zusteuernden Gesellschaft. Peter Fleischmann hat die Figur des Hille dazu in ein Netzwerk von Ereignissen verflochten, dessen Zusammenhang sich erst zum Ende des Filmes ergibt. Die Handlung besitzt keine Kontinuität, es wird keine Geschichte im klassischen Sinn erzählt. Der Sinn ergibt sich vielmehr im Bewußtsein des Betrachters, er ist aufgefordert, die Puzzleteile zusammenzusetzen.

 
Jörg Pfennigwerth, Eva-Maria Hagen, Kiev Stingl in: GIBBY WESTGERMANY, Christel Buschmann, BRD 1979/80

Ähnlich hat auch Christel Buschmann ihre Geschichte angelegt, die Erzählstruktur des Films "ist elliptisch, episodisch, die zeitlichen und örtlichen Zwischenräume bleiben leer, müssen vom Zuschauer im Nachhinein [sic] aufgefüllt werden. Auf diese Weise wird er in die Geschichte hineingezogen, er muß für sich Zusammenhänge klären und 'Sinn' herstellen." [8] Der programmatische Name der Hauptfigur, Gibbi West Germany, verweist auf die Intention der Regisseurin. Ihr ist daran gelegen, ein Bild westdeutscher Gesellschaft zu entwerfen. Das Ergebnis ist ein Szenario, in dem das Individuum nur einen minimalen existentiellen Spielraum besitzt und so zwischen lethargischer Verweigerung und gewalttätiger Glücksjagd, zwischen Tatenlosigkeit und verzweifelten dumpfen Sexualreflexen hin und her laviert.[9]

Roland Klicks Milieukenntnisse und Figurenkonstellationen gehen auf konkrete Erfahrungen zurück: "Ich habe genau dieselbe Geschichte erlebt, ich habe mit einem solchen Jungen zusammengelebt. Ich war damals in der beginnenden Drogenarbeit, wenn nicht aktiv, so doch präsent [...]. Ich war oft dort, habe fromme Sprüche geklopft, Visionen entworfen und das Schicksal vieler Revolutionäre erlitten: Eines Abends klingelt es, und einer steht vor meiner Tür und hat geglaubt, was ich da erzählt habe. Der Junge hat dann vier Jahre bei mir gewohnt."[10]

 

[6] Blum, in: Rheinische Post vom 19.09.1980.

[7] Linhart, in: Film-Dienst, 18.04.1972, S. 13.

[8] Hopf, in: Evangelischer Film-Beobachter, Jg. 1980, H. 7. S. 6.

[9] Vgl. Haslberger, in: Film-Dienst, Jg. 1980, H. 6, S. 20.

[10] Worschech, in: epd-film, H. 9, 1992. S. 22.

DIF, 3.4.2000  

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