Bettina Jäger
Ein unheimlich starker Abgang oder die Genealogie des Scheiterns

2.1 DAS UNHEIL/ LES CLOCHES DE SILESIE von Peter Fleischmann (1970)
DAS UNHEIL, Peter Fleischmann, BRD  1970

In meinen Augen exemplifiziert der Film DAS UNHEIL das, was den bundesdeutschen Alltag der 70er Jahre ausmachte. Und dafür steht beispielhaft die Pastorenfamilie Vavra, angesiedelt in einer deutschen Kleinstadt. Hille Vavra, aus dessen Sicht die Handlung geschildert wird, befindet sich in der Abiturphase, die zu scheitern droht. Desweiteren besteht die Familie aus seinem Vater, Pastor Leonard Vavra, seiner Mutter (bezeichnenderweise ohne Vornamen) und seiner Schwester Dimuth. Peter Fleischmann fragmentiert deren Umfeld mit Hilfe der Parallelmontage in einzelne Episoden, einzig die Vorbereitungen anläßlich eines Glockenweihfestes, das Pastor Vavra für die aus Schlesien vertriebenen Gemeindemitglieder organisiert, ermöglichen eine zeitliche Einordnung.[15] Zu diesem Zweck sucht er die Unterstützung durch verschiedene Institutionen, so zum Beispiel durch den Direktor des am Stadtrand gelegenen Industriekomplexes [16] oder den Standortkommandanten der dortigen Kaserne - ersterer sorgt für Geld und Prestige, letzterer für das Publikum. Ansonsten ist er bemüht, ein folkloristisches Spektakel auf die Beine zu stellen. Dazu trifft sich regelmäßig eine greise Blaskapelle in der Vavraschen Wohnung und die Konfirmanden müssen, in Glocken verkleidet, Gedichte auswendig lernen. Zudem ist er gezwungen, die sich über die Anfeindungen der Presse echauffierende Altherrenriege der Schlesier zu beruhigen. Dieses Szenario bildet nun den Rahmen für das Vavrasche Familienleben und der Kleinstadtgemeinde. 

 
Reinhard Koldehoff in: DAS UNHEIL, Peter Fleischmann, BRD  1970 Der Familienverband wird lediglich als versorgungstechnische Einheit charakterisiert, Kommunikation im eigentlichen Sinn findet nicht statt. In der Regel redet und agiert man aneinander vorbei. Etwa als Mutter Vavra selbstzufrieden meint: "Ich bin ja so froh, daß die Familie wieder beieinander ist." Im Gegensatz dazu plant Dimuth ihre Abreise aus dem Elternhaus nach Italien. Der Grund für die überstürzte Abreise kommt nicht zur Sprache. Mutter Vavra verkörpert den Prototyp einer deutschen Mutter und Hausfrau, für sie gilt es, Bollwerk zu sein gegen die Bedrohung der Familienidylle und in diesem Sinne zu funktionieren. Sie hat das System der Verdrängung perfektioniert, so auch die Tatsache, daß ihr Sohn das Abitur zum zweiten und damit zum letzten Mal nicht bestehen wird. 
Warum sollte er auch? Die Schule wird vorgeführt durch einen Biologieunterricht in dem er Prüfungsfragen beantworten soll wie: "Sehen Sie Lösungen für das Problem der Überbevölkerung?" und ein Mitschüler daraufhin "vergasen" als Antwort an die Tafel schreibt. Oder durch einen Lateinlehrer, der die Vorteile der Leistungsgesellschaft anpreist und die negativen Auswirkungen auf diejenigen erläutert, die sich dem Prinzip verweigern. 
 

[15] Der französische Titel des Filmes lautet: LES CLOCHES DE SILESIE (Die Glocken der Schlesier). Hitler hatte Anfang der 40er Jahre etliche Kirchenglocken abmontieren lassen, um daraus Kanonen zu gießen.

[16] Drehort war Wetzlar; der Industriekomplex gehörte zu den Buderus Werken.

DIF, 3.4.2000  

  nächste Seite Kapitelübersicht zurück