Bettina Jäger
Ein unheimlich starker Abgang oder die Genealogie des Scheiterns 
2.2 SUPERMARKT von Roland Klick (1973)
SUPERMARKT, Roland Klick, BRD 1973

War die Antwort der Figur des Hille Vavra auf die Verhältnisse noch gekennzeichnet durch Passivität und Lethargie, so ist sie in SUPERMARKT umgeschlagen in aggressiven Aktionismus. Die hinter der kleinbürgerlichen Fassade hervor scheinende Apokalypse, ist hier offensichtlich zum Schauplatz geworden. Willis Lebensraum sind die Straßen rund um den Hamburger Hauptbahnhof und das Stadtviertel St. Pauli, eine Familie existiert nicht. Das Bild der Stadt wird geprägt durch abbruchreife Häuser, Hinterhöfe und Straßen, in denen sich der Müll stapelt. Willi hält sich mit kleineren Gaunereien über Wasser, so stiehlt er das Trinkgeld der Toilettenfrauen oder schnorrt sich durch. Auf seinen Streifzügen begegnet er Menschen, die sich alle auf ihre Art an ihm bereichern wollen. Es ist ein Kaleidoskop kaputter Typen: Ein abgehalfterter Journalist, ein kleinkrimineller Zuhälter, ein im Luxus vereinsamter Schwuler und eine alleinerziehende Nutte. Vier Gesellschaftstypen, die Roland Klick hier charakterisiert, und die alle auf ihre Art Einfluß auf Willi nehmen. 

 

 
SUPERMARKT, Roland Klick, BRD 1973

Der Journalist Frank, den Willi nach einer Festnahme auf einem Polizeirevier kennenlernt, ist nur an einer guten Story über die Kultivierung eines Wilden im Goßstadtdschungel interessiert. Bezeichnend ist hierfür eine Szene, in der Frank Willi zum Essen einlädt. Beide sitzen sich gegenüber, ohne daß es zum Dialog kommt. Es treffen zwei Welten aufeinander, die nicht die gleiche Sprache sprechen. Frank monologisiert über seine Midlifecrisis und bemerkt dabei nicht, daß von Willi keine Reaktion kommt. Die Probleme des Journalisten liegen jenseits seines Erfahrungshorizontes und seine Schwierigkeiten sind ganz anderer Art: Die Beschaffung von Geld und einem Platz zum Schlafen. Doch dies offeriert ihm sein Gegenüber nicht, vielmehr muß sich Willi für die Gratismahlzeit das Lamento des Journalisten anhören.

Auf einer seiner nächsten Stationen am Bahnhof ergeht es ihm nicht anders, auch hier bekommt er eine Mahlzeit spendiert, diesmal von dem Ganoven Theo, auch diese hat ihren besonderen Preis:

Er soll für Theo auf den Strich gehen, damit dieser dann die Freier ausrauben kann. Willi weigert sich jedoch als Lockvogel zu fungieren, und der anvisierte Kunde kann sich in Sicherheit bringen. Er begleitet den Freier letztendlich doch noch mit in dessen Wohnung, ein weiterer Ort auf seiner Odyssee.

 

 

DIF, 3.4.2000    

 
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