Bettina Jäger
Ein unheimlich starker Abgang oder die Genealogie des Scheiterns

2.3 SONJA SCHAFFT DIE WIRKLICHKEIT AB ODER EIN UNHEIMLICH STARKER ABGANG von Michael Verhoeven (1973)
Katja Rupé in: EIN UNHEIMLICH STARKER ABGANG, Michael Verhoeven, BRD 1973

Michael Verhoeven schildert in Rückblenden die Geschichte einer jungen Frau, Sonja, die von ihrem Freund Manfred schwanger wird und abtreibt. Nachdem sie erneut von ihm ein Kind erwartet, erwartet sie von ihm eine andere Lösung. Er ist auch nach einer dreijährigen Beziehung zu einem gemeinsamen Leben nicht bereit, will sich vielmehr von ihr trennen. Auf diese Art einfach abgeschoben zu werden, ist für Sonja nicht akzeptabel. Sie hat etliches für Manfred auf sich genommen: So wurde sie für die Abtreibung zu einem Aufenthalt im Erziehungsheim verurteilt und hat sich für Manfred prostituiert. In ihrer Enttäuschung erschießt sie ihn.

Wie auch Willi, versucht sich Sonja in dieser Gesellschaft einen Platz zu ergattern und kämpft mit trotziger Vehemenz darum. Aber im Gegensatz zu Willi ist sie darin selbstbewußter und reifer. Sie weiß, was sie will und ist bereit, einiges dafür zu geben. Aber auch sie verstößt damit gegen ein Regelwerk gesellschaftlicher Konventionen, vor allem in einer bayrischen Kleinstadt wie Regensburg.

 

 
Katja Rupé in: EIN UNHEIMLICH STARKER ABGANG, Michael Verhoeven, BRD 1973

Die Figur Sonja steht exemplarisch für die ambivalenten und anachronistischen Strömungen in den 70er Jahren. Sie verkörpert auf perfekte Art jenen Konflikt, den Markus Caspers folgendermaßen beschreibt: "das Prinzip Pop (Utopie) gegen das Prinzip Moralismus bzw. kleinbürgerliches Arbeitsethos (Realismus)"[21], das Einklagen neuer Lebensstile versus angepaßtes Arbeiten und puritanisches Leben. Michael Verhoeven definiert diese Polarität, indem er verschiedene Konfliktparteien gegenüberstellt: Sonja im Kräftefeld zwischen ihrer Mutter, ihrer Arbeitgeberin, der Justiz und ihrem Freund. 

Die Handlung beginnt mit Sonjas Vernehmung in der Haftanstalt, der Gefängnispsychologe gibt ihr sogenannte Reizwörter vor und zeichnet ihre Reaktionen auf ein Tonband auf. Ihre Haltung ist trotzig, sie durchschaut das Ziel dieser Befragung, in der sie des vorsätzlichen Mordes an ihrem Freund Manfred überführt werden soll. Dementsprechend verweigert sie sich dieser Art des Verhörs und verhält sich dem Psychologen gegenüber, wie er es nennt, unkooperativ, erzählt ihre Geschichte dann aber doch noch: "Damit sich die Anderen nicht so sicher fühlen." 

Sonja lebt mit ihrer Mutter zusammen, das häusliche Umfeld ist geprägt von biederem Provinzialismus. Die Mutter repräsentiert einen Alltag zwischen Kittelschürze und Gummibaum, zwischen Peter Alexander und einem tumben Hausfreund, der vor der Tochter versteckt werden muß, und einem nicht näher definierten Job. Da bleibt keine Zeit, sich mit der Tochter zu beschäftigen, die Differenzen zwischen beiden zu begreifen. Sonjas Welt ist geprägt von ihrem Idol, dem Eiskunstläufer Hans-Jürgen Bäumler, dessen Abbilder sie aus Zeitschriften ausschneidet und den Eisrevuenfilmen, die sie sich mit ihrer Clique im Kino ansieht. Sonja bemüht sich um Anpassung an die Modelle der schönen bunten Werbewelt, wie sie sich ihr durch das Fernsehen präsentieren, und das um jeden Preis. 

 
[21] Caspers, 1997. S. 154.
DIF, 3.4.2000  

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