Bettina Jäger
Ein unheimlich starker Abgang oder die Genealogie des Scheiterns

2.4 GIBBY WESTGERMANY von Christel Buschmann (1979/80)
GIBBY WESTGERMANY, Christel Buschmann, BRD 1979/80 So wie ich DAS UNHEIL von Peter Fleischmann an den Anfang meiner Untersuchung gesetzt habe, so markiert Christel Buschmanns Film das Ende. In diesem Film kulminieren die verschiedenen Beobachtungen und läßt sich meine These im Hinblick auf die Strukturen und Entwicklungen der 70er Jahre exemplifizieren. Die Hauptfigur Gibbi unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von den anderen Protagonisten, er befindet sich jenseits der Adoleszenz. Er hat mit Anfang 30 schon einige Lebenserfahrungen gemacht, ist Vater einer Tochter. Seine Suche ist nicht die nach einer gesicherten bürgerlichen Existenz, darüber ist er hinaus. Im Gegensatz zu den anderen Protagonisten weiß er, daß dies nur ein Wunschdenken, eine Utopie, ist und bleibt. Denn das was Willi und Sonja als erstrebenswerte bürgerliche Existenz suggeriert wird, ist auch nur Ausbeutung und Abhängigkeit. Die Suche nach Sicherheit und Schutz vor inneren wie äußeren Verletzungen muß ohne Ziel bleiben, da sie nur als Versprechen funktioniert. Ein Versprechen, welches nie eingelöst werden kann, da es die absolute Sicherheit nicht gibt, es aber in der Natur des Menschen liegt, dies glauben zu wollen. Gibbi weiß um diese leeren Versprechungen und hat einen anderen Weg gewählt. 

 

In Gibbis Figur vereinigen sich die anderen Charaktere, von dem verunsicherten und in Lethargie verfallenden Hille über den aggressiv auf sein Glück insistierenden Willi bis hin zu der trotzig selbstbewußten Sonja, die sich nicht unterkriegen lassen will. Hierin liegt gleichzeitig die ungeheure Stärke und Tragik der Figur und kulminiert die gesellschaftliche Veränderung in den 70er Jahren. Die anfänglich gepriesene Individualisierung als Zeichen von Freiheit und eigenbestimmtem Handeln entpuppt sich als subtiler Ausbeutungsmechanismus, dem sich keiner entziehen kann. Dieter Kramer zitiert hierzu Fred Hirsch:"’Aus jedem einen Angehörigen der Mittelschicht zu machen, erschien für die Zukunft die krönende Leistung des liberalen Kapitalismus zu sein", doch diese Utopie scheitert sehr schnell.

"Was die Wohlhabenden von heute besitzen, das kann morgen unmöglich auch der übrigen Bevölkerung gegeben werden, und doch erwarten wir genau das, da wir als Individuen reicher werden ... Das Rennen wird länger, aber die Siegerprämie wird nicht höher."[23]

Und für dieses Rennen sind nicht alle geschaffen, sie scheitern, weil sie das Ziel nicht erreichen. 

 

[23] Fred Hirsch zitiert nach Kramer, 1990. S. 233.

DIF, 3.4.2000    
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