Bettina Jäger
Ein unheimlich starker Abgang oder die Genealogie des Scheiterns 

3. Film als Zustandsbeschreibung. Resümee
SUPERMARKT, Roland Klick, BRD 1973 Am Ende der Auseinandersetzung mit diesen Filmen und den 70er Jahren haben sich für mich einige neue Erkenntnisse ergeben: Ich habe ein Stück meiner eigenen Geschichte im Kontext der 70er Jahre aufgearbeitet und war so in der Lage, die Filmfiguren besser analysieren zu können. Dabei war mein Tagebuch eine große Hilfe, beim Nachlesen habe ich festgestellt, daß mein damaliges Gefühlsleben dem der jugendlichen Protagonisten sehr ähnlich war. Vor allem das Gefühl, nicht zu wissen, wohin man gehört, von der Erwachsenenwelt nicht verstanden zu werden und die Suche nach uneingeschränkter Zuwendung, sind mir bekannt. Man forderte alles und bekam doch nichts, dementsprechend waren die Befindlichkeiten. Die einen lernten, damit umzugehen und es als das zu begreifen, was es war, nämlich der holprige Weg der Adoleszenz, die anderen scheiterten. Es ist aber unmöglich, allein Maßstäbe für das eigene Leben zu entwickeln. Deshalb sind soziale Bindungen, in denen ein Erfahrungsaustausch stattfindet, absolut notwendig. 

 

Die Regisseurinnen und Regisseure haben sich nun mit dem Verfall dieser Strukturen als Folge der gesellschaftlichen Veränderungen in den 70er Jahren auseinandergesetzt: Peter Fleischmann entlarvt die Familie als bloße versorgungstechnische Einheit, in der sich jeder selbst überlassen bleibt. Ähnlich definiert auch Michael Verhoeven die Mutter-Tochter-Beziehung als bloße Zwangsgemeinschaft. Roland Klick läßt seinen Protagonisten die Erfahrung machen, daß Beziehungen nur auf Kosten-Nutzen-Rechungen basieren, und Christel Buschmann charakterisiert die Mutter-Sohn-Beziehung als Kriegsschauplatz. Die Filme machen den Druck der wachsenden Leistungsgesellschaft für diesen Prozeß der Entfremdung verantwortlich. Jeder bleibt sich selbst überlassen oder ist sich selbst der nächste: Die Möglichkeit eines gemeinsamen Dialoges scheint ausgeschlossen zu sein. Diese Entwicklung verkörpern die Filmfiguren und machen die extremen Reaktionen nachvollziehbar. Daß das Töten, ohne ersichtlichen körperlichen Angriff, auch Notwehr sein kann, bleibt für mich eine irritierende Erkenntnis. Es erklärt auch, warum es so schwer ist, sich mit diesen Figuren zu identifizieren: Wer möchte sich schon in der Rolle eines potentiellen Mörders sehen. Es sind eben nicht die Filmfiguren eines Rainer Werner Fassbinder, mit denen ich mich identifizieren kann, ihr Abstraktionsgrad ist einfach zu groß. Aber ein Hille Vavra wie ihn Peter Fleischmann in DAS UNHEIL (1970) konstituiert hat oder Michael Verhoevens SONJA SCHAFFT DIE WIRKLICHKEIT AB ODER EIN UNHEIMLICH STARKER ABGANG (1973), das sind Figuren, in denen ich mich wiedererkenne. Diese Figuren haben etwas Reales, etwas mit dem ich mich auf der Ebene der Rezeption eigentlich nicht auseineinandersetzen möchte, da sie auf mich selbst verweisen und mir keinen Sicherheitsabstand lassen. Es ist die Erklärung eines Charakters durch Handlung und nicht durch Worte, die Betonung des Physischen, die Action, die die Figuren so unmittelbar wirken läßt.[24] Und in der Entscheidung für diese Charaktere transportieren die Filme auch ein ganz anderes Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse. Der bundesdeutsche Alltag erscheint eindringlich und direkt: Weit entfernt jedweder Codierung.

Bisher begnügten sich die deutschen Jungfilmer „meist mit stilisierter Zitation - wie sie Fassbinder pflegte - oder betrieben ‘Geschichtsunterricht’. Sie flüchteten in die Vergangenheit (der kritische Heimatfilm) oder in den theoretischen Ueberbau (Alexander Kluge). [...] Der bewußte Rückgriff auf die Vergangenheit und der kompromisslose Schritt ins Theoriegebäude haben jedoch, neben dem Dilemma der deutschen Kinosituation (angewiesen auf die Drehbuchprämien und die Koproduktion des Fernsehens, die unerbittlich auf 'Kultur' bestehen), eine viel tiefere Ursache, die man gern übersieht: die Unfähigkeit, Wirklichkeit von unten her anzugehen, ohne gleich in intellektuelle Trauerarbeit zu verfallen."[25] Diese Fähigkeit, die Wirklichkeit von unten anzugehen, haben Peter Fleischmann, Roland Klick, Michael Verhoeven und Christel Buschmann unter Beweis gestellt, was ihnen, unter anderem, den Ruf einbrachte „kleine dreckige Filme"[26] zu machen. Was bei diesen Filmen „herauskommt, sind beklemmende Momentaufnahmen von einer düsteren Seite unserer heutigen Welt. Ein immer kaltes Deutschland für die Unbehausten, das die Gestrauchelten und die Chancenlosen nur zu verwalten, ihnen aber nicht zu helfen vermag."[27

 

[24] Vgl. Worschech, in: epd-film H.9., 1992. S. 20.

[25] Knorr, in: Die Weltwoche vom 06.03.1974.

[26] Vgl. Blumenberg, 1980. S. 251.

[27] Hansen, in: Die Welt vom 04. 12. 1979.

DIF, 3.4.2000    
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