Inga Meißner
Die neunziger Jahre

Deutschland nach der Wende

DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE,  Wolfgang Becker, BRD 1995-97

Eines der größten politischen Ereignisse in Deutschland in den 90er Jahren war, - so bewerte ich es -, der Umbruch im Osten. Nichts anderes hat so einschneidende Veränderung im alltäglichen Leben und Denken hervorgerufen. Den Menschen aus den Beitrittsländern ist dies wohl noch stärker präsent, als denen in der alten Bundesrepublik. An dieser Stelle interessiert mich besonders, was die "Vereinigung" an Mentalitätsfolgen mit sich bringt.

Bis zu meinem siebzehnten Geburtstag war die Welt für mich unhinterfragbar und unveränderbar in "Ost" und "West" geteilt. Auch wenn diese Zweiteilung aus meiner Sicht nicht mit einem Wertesystem von "gut" und "böse" verknüpft war, so fühlte ich mich immer auf der "freien" und "unzensierten" Seite der Welt. Wurde ich im Ausland gefragt, ob ich denn aus Ost- oder Westdeutschland komme, so antwortete ich stets mit nachsichtigem Lächeln:

"Aus Westdeutschland natürlich. Wenn ich aus Ostdeutschland käme, wäre ich nicht hier."

Innerhalb weniger Wochen im Jahre 1989 wurde diese Aussage antiquiert (undifferenziert war sie schon vorher). In Ostdeutschland ist seither viel passiert, im Westen nicht so viel. Es ist, so scheint es, wie vor der Wende: die Ossis nehmen Ost und West wahr, die Wessis fast nur den Westen. Doch inwieweit sind die Kategorien "Ost" und "West" nicht schon destruktiv? Sollte nicht lieber eine Unterscheidung zwischen "wahrnehmend" und "nicht so wahrnehmend" getroffen werden?

Das Thema "Deutschland nach der Wende" ist für mich zentral innerhalb einer Sozialgeschichtsschreibung dieses Landes, weil mein Alltagsleben in den 90ern ist durchzogen von Einflüssen dieser "Wiedervereinigung" - die doch eigentlich ein Beitritt war. Solange die Unterscheidung Ossi-Wessi im täglichen Umgang als eine der Hauptkategorien der "Ordnungsskala für erste Begegnungen" existiert, kann von einem "eins" sein, von einer Ver"Ein"igung, wohl nicht die Rede sein.

Die Begrenzungen "fremd" und "eigen" sind Anfang der 90er um einiges unschärfer geworden. Ein unbekanntes Land ist plötzlich auch das eigene Land. Die Etappe des gegenseitigen Kennenlernens ist ein Kernstück der 90er Jahre, auch wenn sie in die nächsten Jahrzehnte hineinragen wird. Wieder gibt es eine Unklarheit mehr in der Postpostmoderne. Sind die 90er geprägt von Umbrüchen? Der Versuch der eigenen Verortung (die alten Fragen: wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich?) ist natürlich auch an den Ort gebunden, in dem ich lebe. Die Wahrnehmung der Umgebung kann konserviert werden.

 
DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE,  Wolfgang Becker, BRD 1995-97 
  
DIF, 3.4.2000  

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