Inga Meißner
Die neunziger Jahre

GRÖNLAND

Grönland, Jens Becker, BRD 1990

Als Herr Ypsilon (Martin Olbertz) nach 10 Wochen Dienstreise wiederkommt, wird gerade das Firmengebäude ausgeräumt. Er versteht nicht, warum all das um ihn herum geschieht.

Der Film zeigt die Wende aus der Perspektive eines Mannes, der nicht versteht, was vor sich geht. Eine kafkaeske Atmosphäre entsteht, die die Verwirrung der Wende beeindruckend widerspiegelt. Sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der formalen Ebene werden viele Regeln einer linearen, verständlichen Erzählung gebrochen. Diese Regellosigkeit und eine Fülle von Assoziationsmöglichkeiten weisen inhaltlich und strukturell auf die Wende hin.

Herr Ypsilon reist für 10 Wochen im Auftrag seiner Vorgesetzten in die Schweiz. Als er zurückkommt, hat sich alles geändert. Die Büroräume werden gerade aus- und umgeräumt, Akten werden im Hof verbrannt, Menschen reden rätselhafte Dinge. Er steigt in eine höhere Position auf, sein ehemaliger Vorgesetzter Professor Zett wurde geschasst. Die Wirrnis macht Herrn Ypsilon etwas verrückt. In einem hysterischen Anfall schließt er sich im Bad ein und schneidet sich mit einem Rasiermesser in den Hals. Seine Geliebte, Frau Kah, muß dies hilflos durch ein Fenster mit ansehen.

Die Handlung ist nicht völlig klar und verstehbar. Daher werden hier hauptsächlich Assoziationen zu Jens Beckers Abschlußfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen, dem letzten verbotenen Film der DDR, vorgestellt.

Der Film besteht aus einer Reihe von sich mehr oder weniger aufeinander beziehende Szenen. Innerhalb dieser Szenen werden kleine Bruchstücke erzählt, ebenfalls nicht immer klar verstehbar und nicht eindeutig in der Gesamthandlung verortet. In welchem Betrieb arbeitet Herr Ypsilon überhaupt? Obwohl so viele Menschen mit "Professor" betitelt werden, sind keine Studierenden zu sehen. Weiß Professor Kah von der Affäre seiner Frau mit Herrn Ypsilon? Und ist seine Einladung zu Kaffee und Kuchen nur der Versuch, beide zu vergiften? Wann fand diese Karnevalsfeier statt, wo maskierte Personen "Die Gedanken sind frei" singen? Fand sie überhaupt statt, oder ist sie nur ein Traum von Herrn Ypsilon? In welcher Zeit spielt der Film? Kleidung, Autos und Musik erinnern an Krimis, die in den 20er Jahren in Amerika angesiedelt sind. Eine eindeutige Zuordnung der Handlung in eine reale Zeit ist unmöglich. Denn neben dem Setting der 20er Jahre sind Parallelen zu den letzten Tagen der DDR unverkennbar: wenn etwa Herr Ypsilon vom "Freiwilligenverband der Nichtkonsumenten" kritisiert wird, daß er sich zu freundlich mit Personen der "Union der Konsumenten" unterhalten habe oder wenn zwei Herren in Lederkluft ihm letzte Anweisungen vor seiner Reise in die Schweiz geben.

Zuschauende befinden sich immer in der Schwebe zwischen Ahnung und Rätsel. Eine kafkaeske Atmosphäre entsteht: es muß ein übergeordnetes Prinzip geben, eine einfache Erklärung, doch uns bleibt sie unbekannt. In jedem Dialog, in jeder Szene, im ganzen Film: immer nur Fetzen von Verständnis, der Zugang zum Gesamten bleibt verschlossen. Zweideutigkeiten, Abkürzungen und scheinbar Absurdes prägen die Atmosphäre von GRÖNLAND, unbekanntes, kaltes Terrain in weiter Ferne. Auch diese Art von Codierung ist ein Hinweis auf ein Land mit politischer Zensur: die DDR.

 
  
DIF, 3.4.2000  

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