Renate Jost
Grenzenlose Freiheit - begrenztes Leben

1. Einleitung

Ausgehend von dem Film DIE ABFAHRER (1978) von Adolf Winkelmann, der zu Beginn des Projektes ‘Sozialgeschichte des bundesrepublikanischen Films’ in der Gruppe der 70er Jahre gesichtet wurde, kristallisierte sich für mich das Thema 'Jugendliche begehren gegen Grenzen auf', heraus. Winkelmann lädt zu einer Entdeckungsreise in das Arbeitermilieu des Ruhrgebietes ein und erzählt von den Problemen der jugendlichen Arbeitslosen in den 70er Jahren. Dies geschieht auf so charmante, witzige Art und Weise im Slang des Ruhrpotts mit jugendlichen Laienschauspielern, daß man auf eine Fortsetzung hofft. Im Verlauf der Sichtungen fanden sich weitere Filme, die sich sehr ‘authentisch’ mit der Situation von Jugendlichen am Ende der 70er Jahre auseinandersetzten. Diese ‘dreckigen kleinen Filme’ (Blumenberg) finden ihre Stoffe und ihre Sprache auf der Straße, und ihre Bilder sind nicht von Artifiziellem geprägt, sondern haben eher einen dokumentarischen Gestus. Es sind ‘Filme für die Leute von nebenan’ (Winkelmann), "weg vom ästhetischen Kunstfilm, hin zum Naturprodukt aus Sprache, Lebensgefühl und Mentalität, in dem sich der Nachbar wiedererkennt." (Ponki, AZ München, 22.7.79). In diese Auswahl gehört SCHLUCHTENFLITZER (1978/79) von Rüdiger Nüchtern, der sich mit dem Traum vom Freisein eines Jugendlichen auf dem Lande beschäftigt. DAS ENDE DES REGENBOGENS (1979) von Uwe Frießner handelt von einem jugendlichen Außenseiter in der Großstadt Berlin.

Jugend an der Grenze zum Erwachsenwerden, da stellt dich die Frage: was bleibt von den Träumen und Hoffnungen übrig? Jugend in Grenzbereichen der Gesellschaft: als Außenseiter, als Arbeitslose, aufgewachsen auf dem Land oder herausgefallen aus dem sozialen Netz. Wie stellt sich dies aus Sicht der Betroffenen dar? Wie wird diese Thematik im Neuen Deutschen Film aufgenommen und wiedergegeben? Wie reagieren die Filme auf die bundesrepublikanische Realität der 70er Jahre?

In den ausgesuchten Filmen findet auf verschiedene Weisen eine Annäherung an die Lebenswelt und -wirklichkeit von Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus statt. Die Perspektive dieser Filme ist nicht der Blick von ‘außen’ und ‘auf’ Jugend, sondern gibt eher die Innensicht der Betroffenen, deren Emotionen, Wünsche und Träume, wieder. Die Autoren greifen in den Filmen Alltagssituationen auf, oft aus dem Arbeits- und Freizeitbereich von Jugendlichen. Die Regisseure stellen sich nicht über die Figuren, sondern stehen an ihrer Seite. Sie beobachten und werben beim Publikum um Verständnis. Die Filme zeigen keine Lösungen und entsprechen in ihrer Offenheit der gesellschaftlichen Stimmung der Zeit. SCHLUCHTENFLITZER und DIE ABFAHRER entstanden in enger Zusammenarbeit der Regisseure mit den jugendlichen Darstellern. DAS ENDE DES REGENBOGENS reflektiert die eigenen Erfahrungen des Regisseurs im Umgang mit einem jugendlichen Außenseiter in einer Wohngemeinschaft.

Meine Auswahl fiel auf die genannten Filme, da in ihnen kein pädagogischer Zeigefinger vorkommt, im Unterschied zu z.B. NORDSEE IST MORDSEE (1976) von Hark Bohm und DIE LETZTEN JAHRE DER KINDHEIT (1979) von Norbert Kückelmann.

 
  
DIF, 3.4.2000  

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