Renate Jost
Grenzenlose Freiheit - begrenztes Leben

1.1. Jugend in der bundesrepublikanischen Realität
NORDSEE IST MORDSEE, Hark Bohm, BRD 1975 

Im Zusammenhang mit der Alltags- und Erfahrungsgeschichte, die ihr Augenmerk auf die persönlichen und gruppenspezifischen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Sinndeutungen legt, wird kurz auf Jugend als ‘gesellschaftliches bzw. sozio-kulturelles Produkt’ (Griese) eingegangen.

"Jugend und ihre Erscheinungsformen, Verhaltensweisen, Einstellungen und Wertmuster ist von sozio-strukturellen und historisch-ökonomischen Merkmalen der sie jeweils umgebenden und determinierenden Gesellschaft abhängig."[1]

Es gibt keine generellen Verhaltensstile und Handlungsmuster der Jugend mehr, von ‘Jugend’ kann nur noch im Plural gesprochen werden. Nach Sander und Vollbrecht sehen sich Jugendliche "einer Mehrzahl diskrepanter Orientierungsmuster und Verhaltensaufforderungen sowohl in der biographischen Abfolge als auch zeitgleich gegenüber. So fordern die Arbeitswelt und pädagogische Einrichtungen wie die Schule völlig andere Verhaltensstandards und Grundhaltungen als die Freizeit-, Mode- und Konsumwelt." [2]

 
Vgl. hierzu auch: 
Bettina Jäger,
Ein unheimlich starker Abgang oder
die Genealogie des Scheiterns 
In zeitgenössischen Analysen der 70er Jahre, besonders bei Helmut Fend[3], findet sich eine Skizze von dieser Generation. Fend sieht für die Generation der »Lebenswelt«[4]} eine Orientierung in der Gestaltung des eigenen Lebensbereiches. Das gemeinschaftliche Miteinandersein rückt in den Vordergrund, die Entfaltung eines autonomen gemeinschaftlichen Lebens bildet Identifikationspunkte in der Gesellschaft. Demgegenüber nimmt die Gesellschaft diese Generation vor allem als Problemgeneration wahr. Insgesamt läßt sich eine pessimistische Grundstimmung am Ende der 70er Jahre in Deutschland feststellen, die auch die Filmemacher aufgreifen. 

In den ‘realitätsbezogenen’ Jugendfilmen kommt dies unterschiedlich zum Ausdruck: In SCHLUCHTENFLITZER wird der Blick aufs Land gerichtet, der Film DIE ABFAHRER ist eine Ruhrpottkomödie, und DAS ENDE DES REGENBOGENS gilt als die „aggressive no-future-Entgegnung auf die einfühlend didaktischen, um Verständnis bemühten Jugendfilme"[5] von Reinhard Hauff, Hark Bohm und Norbert Kückelmann.

Die Abgrenzung von Werten und Normen, von der Familie, das Hineinwachsen in die Gesellschaft, das Finden eines eigenen Weges, der selbst gestaltetwerden kann - all das ist mit Jugend und jugendlichen Lebensentwürfen verbunden. Aufwachsen in einer Gesellschaft, zu deren Wirklichkeit ‘enge Grenzen und kontrollierbare Freiräume’ (Baacke, 1994) gehören, in der Jugend als ‘Problem’ und nicht als Chance wahrgenommen wird.[6]

Was bleibt noch von den Träumen der Jugendlichen und wie thematisiert der Film dieses Problem? 

 
 

[1] Griese, 1987. S. 30.

[2] Sander / Vollbrecht, 1985. S. 11.

[3] Fend, 1988.

[5] Lenssen, in: Jacobsen, 1993. S. 258.

[6] "Wer von Jugend redet, spricht wie über Träume: Man hat sie gehabt oder erwartet ihre Erfüllung. Niemand weiß jedoch zu sagen, was Jugend eigentlich ist. Die einen erwarten von ihr den entscheidenden politischen Impuls, die anderen sehen in ihr nichts als einen noch unzulänglichen Träger ihrer eigenen Wertvorstellungen, wieder anderen ist sie völlig egal und sie soll tun und lassen, was sie will. Jugend ist grundsätzlich anrüchig, muß geformt und gezähmt werden. Jugend ist, was sie sein soll, nicht, was sie ist. Sie erscheint nur als Problem auf der Bildfläche des eigenen oder gesellschaftlichen Bewußtseins: als Erfahrung langsamen Abschieds im Zuge des Älter- und Erwachsenwerdens, als Arbeitslosenfrage, als Leidensträger von Bildungspolitik oder als unbekömmliche Gruppe von Kriminellen, Rockern, Drogensüchtigen. Jugend trägt in dieser Gesellschaft den Fluch, nur als Problem wirklich präsent zu sein. Dabei ist sie es, fast wortlos, auch anders: als Idealbild eines jeden Erwachsenen."
Spindler, in: Karsunke / Michel 1985. S. 129.

DIF, 3.4.2000  

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