Renate Jost
Grenzenlose Freiheit - begrenztes Leben

2.3 Erlebnisort ‘Zweites Kino’

 

Ende der 70er Jahre zeigt eine Untersuchung von Infratest [17] über die Einstellungen der Bevölkerung zu Spielfilmen in Kino und Fernsehen, daß ein Drittel der Bevölkerung regelmäßig ins Kino geht. Die Mehrheit bilden die Jugendlichen und die Altersgruppe von 20 bis 29. Die Action- und Horrorfans und die Cineasten machten fast die Hälfte des Kinopublikums in der Gruppe mit hoher Kinonutzung aus.

In diesem Zeitraum lösen sich die vom Fernsehen gezielt angesprochenen jugendlichen Zuschauer von diesem Medium. Auf den Wandel des Publikums und die Entstehung der neuen Kultur des ‘Cineasmus’ weist Uwe Koch [18] hin. Für den ‘realitätsbezogenen’ Jugendfilm entstand so neben TV- und kommerzieller Kino-Auswertung eine dritte Abspielbasis. Die Absichten von Kommunalen Kinos, Filmclubs und weiteren nichtgewerblichen Abspielstätten lassen sich in ihren Zielsetzungen erkennen:

  • Kompensation der schlechten örtlichen Kinosituation
  • rein kulturelle Zielsetzungen (Interesse am Medium Film)
  • medienpädagogische (didaktische) Zielsetzungen und
  • gesellschaftspolitische Zielsetzungen. Film wurde als Bildungsmittel anerkannt, wobei in den Veranstaltungen der genannten Initiativen versucht wurde, den Bildungsaspekt mit dem Unterhaltungs-und Freizeitaspekt zu verbinden.
 

[17] In: Media Perspektiven Nr. 3, 1979.

[18] "Anders als unsere Eltern konnten wir die Faszination des Fernsehens schon in unserer Kindheit erfahren. Das erste Schwarzweißgerät gab der Familie zurück, was sie seit der Wohnküche nicht mehr besessen hatte, einen Versammlungsraum, wo sich die Angehörigen um eine Wärmequelle neuerer Art gruppierten (...), durch das der Staat seine Informationen, seine Werte und Witze in alle Wohnungen ausstreut. (...) So wurden die wichtigsten Wirklichkeitserfahrungen wieder im Schoß der Familie gemacht, ein Umstand, den wir solange geduldig in Kauf nahmen, wie es keinen Streit über die Programmauswahl gab. Aber irgendwann war es dann auch zu wenig, die Abenteuer dieser Welt mit Mutti und Vati statt mit der Freundin zu erleben. Wir gingen nach draußen und schufen wieder ein Stück neue Kultur: den Cineasmus.(...) Zunächst sah es aus, als sollten die Filmtheater den Wettlauf verlieren gegen die wachsende Zahl betriebsbereiter Fernsehempfänger. Da war das Kino ein Jugendzentrum ohne größeren Kunstanspruch, bot einen kuscheligen Fernsehsessel für Paare ohne eigenes Wohnzimmer. Was das Lichtspielhaus und den neuen deutschen Film schließlich rettete, war das neue Verständnis von Öffentlichkeit. Der private Bildschirm sendet für die Allgemeinheit, die öffentliche Leinwand ist für den Individualismus da. Das Fernsehen bietet an, was der Mehrheit, wie sie in der Phantasie der Intendanten jeweils durch eine vollständige Familie vertreten wird, zumutbar ist. Spezielle Interessen wie Solidaritäts- oder Pornofilme werden in die öffentlichen Häuser verwiesen. Im Wohnzimmer wird die gesamtgesellschaftliche Erfahrung vermittelt, im Kino die Sonderfälle des fernsehfreien Films. (...) Die zweite Kultur jedoch umging die Kanäle der Sendeanstalten, war der fürs ganze Land vereinheitlichten Erfahrung überdrüssig und suchte den direkten Zugang zur wirklichen Welt. Die eigene Teilnahme bedeutete stets mehr als das Erlebnis, das durch die Medien übermittelt wird. Die Anwesenheit bei einem Konzert ist schöner als die tontechnisch ausgefeiltere Konserve. Nicht die Fernsehvermittlung entschied darüber, ob eine Veranstaltung ein Ereignis war."
(
Koch, in: Klamm, Heimlich & Freunde, 1987. S. 12.)

DIF, 3.4.2000  

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