Renate Jost
Grenzenlose Freiheit - begrenztes Leben

3.1 SCHLUCHTENFLITZER: Jugendkultur auf dem Lande

SCHLUCHTENFLITZER, Rüdiger Nüchtern, BRD 1979

Nüchtern zeigt die mühseligen Ausbruchsversuche Andys in den ersten Einstellungen als Verknüpfung von Freiheitsgefühl und Arbeit auf dem Hof im Bild des bayrischen ‘Cowboys’ der Neuzeit. Andy treibt mit dem Moped, seinem ‘Schluchtenflitzer’, die Kühe in den Stall.

Für die Jugend auf dem Lande findet Freizeit am Wochenende statt. Die Jugend versucht nach außen als ‘cool’ und hart zu erscheinen, kompensiert damit aber eine Sehnsucht nach Nähe und Wärme. Über Lederjacken, mit Tigerkopf-Stickern auf dem Rücken, und Mopeds bilden sie eine Gemeinschaft, im Gegensatz zur Erwachsenenwelt. In rasanten Fahrten lebt die Clique ihre Freiheitsbedürfnisse aus. (vgl. auch die Filmkritik von Karsten Witte, PDF-Datei) (Die Darstellung des Bewegungsdranges läßt Assoziationen mit dem Road-Movie zu, so daß die Bezeichnung ‘Land-Roady-Film’ (vgl. die Filmkritik von Thomas Thieringer, PDF-Datei) aufkommt.

 
SCHLUCHTENFLITZER, Rüdiger Nüchtern, BRD 1979Musikalisch unterlegt sind die Fahrten mit englischsprachiger Rockmusik, mit eingängigen Refrains wie ‘Motorbike Kids’ und ‘take a ride’. Im Zusammenspiel von Bild und Musik findet sich die Sehnsucht wieder, der an amerikanischen Vorbildern orientierte Traum von Freiheit.
Musik spielt auch in der Privatsphäre eine tragende Rolle. Andy stellt in allen Räumen sofort nach Betreten den Plattenspieler oder das Radio an. Die Musik bietet Ablenkung und macht Abtauchen in Wunschvorstellungen und Traumwelten möglich. Ziel der Fahrten am Wochenende sind die Dorfdiskotheken, einstmals, zu Zeiten der Jugend der Väter, Kinoabspielstätten.
 
SCHLUCHTENFLITZER, Rüdiger Nüchtern, BRD 1979 Von außen mit kalten Neonfarben beleuchtet, bieten sie eine Flucht in die internationale Welt der Discomusik (Bee Gees-Stil) am Ende der 70er Jahre [19]. In den Dorfdiskotheken fühlen sich die Jugendlichen geborgen, hier begeben sie sich auf die Suche nach Liebesabenteuern, nach ‘tollen Weibern’ und sonnen sich in der Anerkennung durch die Bestätigung der Freunde, „mal wieder voll zugeschlagen" zu haben. Am Wochenende gelingt ihnen ein Ausbruch aus dem eher ereignislosen Alltag.  
 

[19] Ab 1970 verliert der Rock seine Podiumsfunktion für den Jugendprotest, er wird kommerzialisiert und etabliert; es gibt eine breit gestreute Skala von Trends: Jazz-, Classic-, Symphonic-, Electronic-, Hard-, Soft-, Folk-Rock und Rock-Avantgarde. 1978: Dominierender Trend in der Unterhaltungsmusik ist die vereinfachte Rock-Variante der »Disco-Musik« (in der BRD v. a. durch Boney M und Donna Summer bekannt). Vgl. Benz, 1989.

DIF, 3.4.2000  

  nächste Seite Kapitelübersicht zurück