Renate Jost
Grenzenlose Freiheit - begrenztes Leben

3.2 DIE ABFAHRER: Beginn einer Zufalls-Fahrt?

DIE ABFAHRER, Adolf Winkelmann, BRD 1970

Nachts sind alle Maschinen grau, doch im Ruhrgebiet stehen sie mächtig unter Druck und hören nicht auf zu dampfen. Das erste Bild zeigt eine riesige Industrieanlage, deren Konturen sich erst im rötlichen Ton des Sonnenaufgangs richtig abzeichnen. Winkelmann richtet seinen Blick auf einen Defekt im System, zeigt seine Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf die Jugendlichen Ende der 70er Jahre. Es besteht ein enger Bezug zwischen Realität und Film. Die durch wirtschaftliche Entwicklungen und Rationalisierung entstandene Arbeitslosigkeit geht zu Lasten der Jugend und äußert sich in Perspektivlosigkeit.

 
DIE ABFAHRER, Adolf Winkelmann, BRD 1970

Mit der Figur Hermann zeigt Winkelmann die Anpassungswilligkeit der Arbeitnehmer. Hermann verläßt das Arbeiterviertel, um in Lübeck eine neue Arbeitsstelle anzutreten. Den Anwohnern erklärt er: "Man muß mobil bleiben, Beweglichkeit ist alles." Anpassung an den wirtschaftlichen Fortschritt wird auch von Jugendlichen erwartet, wie Lutz seiner Mutter gegenüber zu erklären versucht: "Was interessiert sich der Fortschritt für meine Lehre." Die Ausgrenzung der Jugendlichen vom Arbeitsmarkt, die vielleicht mit "etwas weniger großer Schnauze und etwas mehr Unterwürfigkeit" (Atzes Analyse) noch eine kleine Schonfrist erhalten hätten [21], wird thematisiert. Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit wird als eine "Krankheit, die wird jedes Jahr schlimmer" bezeichnet. Winkelmann richtet seinen filmischen Blick auf einen Prozeß, auf die Entwicklung einer Dynamik, die in den 70er Jahren ihren Anfang nahm und bis heute anhält.

 
DIE ABFAHRER, Adolf Winkelmann, BRD 1970In der Dramaturgie setzt der Regisseur Stillstand neben Bewegung. Der Zuschauer erhält während der Fahrt der Clique durch Parallelmontagen Informationen über die aktuellen Entwicklungen in der Siedlung. Die Fahrtsequenzen werden mit dem Stillstand im Viertel kontrastiert. Alles im Revier deutet auf die Katastrophe der Grubenschließung hin. Die Clique macht Rast im Wald, und Lutz meldet, als ihn ein Tannenzweig durchs LKW-Fenster am Kopf streift: „Ich glaub, ich steh im Wald!" Nach Mitteilung der Grubenschließung im Revier rollt der LKW rückwärts den Waldweg herunter, und Svea, eine toughe Frau, die von der Clique mitgenommen wurde, kann ihn gerade noch zum Stehen bringen. Im Revier und bei den Jungs läuft nichts mehr, bis Sulli, der griechische Gastarbeiter, den Karren mit Hilfe von Svea aus dem Dreck zieht. Im Falle des LKW gelingt dies, doch im Revier bleibt eine bedrückte Stimmung zurück.  
 

[21] Odermatt, in: Zoom vom 19.9.79.

DIF, 3.4.2000  

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