Renate Jost
Grenzenlose Freiheit - begrenztes Leben

3.2 DIE ABFAHRER: Abfahren um anzukommen

DIE ABFAHRER, Adolf Winkelmann, BRD 1970

In der Gesellschaft der 70er wandeln sich traditionelle Werte und Normen, die stark von den 50er Jahren geprägt sind - dies wird nicht nur als Bedrohung wahrgenommen, sondern auch als Chance gesehen. So läßt sich auch die Fahrt der Clique interpretieren, die zwar ziellos ist, keine Auswege aus ihrer Situation bringt. Doch der Weg zurück ins Revier bleibt ihnen auch nicht versperrt, trotz der Trostlosigkeit, die sie dort erwartet. Im Telefongespräch von Atze mit Lolli und Jürgen im Revier wird, wie zuvor schon in den Bildern, deutlich, daß über die Arbeitslosigkeit eine Basis entstanden ist, durch die "man wieder ganz normal mit denen reden kann". In Winkelmanns Film spielt immer so etwas wie "gelebte Solidarität" eine Rolle. Die Frage "Wie das weitergehen soll, überhaupt weitergehen soll?" hat ihre aktuelle Brisanz deswegen nicht verloren.

 
DIE ABFAHRER, Adolf Winkelmann, BRD 1970

In der Konzeption des Regisseurs gab es verschiedene Endszenen, der endgültige Schluß ist mehrdeutig angelegt. Ein Schweizer Filmkritiker äußert sich dazu:

"Winkelmann hatte erst die Absicht, die Ausreisser von den beiden Fernfahrern, die den Möbeltransporter mit dem vermeintlichen Bremsdefekt in einer wilden Jagd verfolgen, umbringen zu lassen. Diese Szene wurde auch gedreht. Wie er aber am Schneidetisch die Leichen herumliegen sah, hat er sich entschlossen, einen hoffnungsloseren Schluß zu wählen: Die Rückkehr ins Revier, in die Provinz der städtischen Aussenquartiere, die Rückkehr zu Arbeitslosigkeit, Missgunst und falschem Mitleid." [22]
 
 

[22] Odermatt, in: Zoom vom 19.9.79.

DIF, 3.4.2000  

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