Renate Jost
Grenzenlose Freiheit - begrenztes Leben

3.3 DAS ENDE DES REGENBOGENS: Grenzen und Freiräume in alternativen Lebensformen

DAS ENDE DES REGENBOGENS, Uwe Frießner, BRD 1979

Die überaus verständnisvolle WG, die jedoch in ihrem Vorhaben Jimmy einzugliedern, scheitert, ist heute kaum mehr glaubwürdig. Von Frießner wird sie als alternative Lebensform in Abgrenzung von der tradierten, bürgerlichen Lebensweise dargestellt. Doch auch der Umgang mit Freiräumen innerhalb der WG unterliegt Regeln, die unausgesprochen eingehalten werden. Diese Grenzen kennt Jimmy nicht, er hat keine Vorstellung von einer abstrakten Solidärität, wie sie in der WG gelebt wird. Es kommt daher immer wieder zu Konflikten. Auch wenn sich die WG von der Gesellschaft abgrenzt, finden sich in jedem einzelnen Werte und Normen wieder, die nach außen hin zwar abgelehnt werden, die in ihrem Verhalten aber noch fest verwurzelt sind.

 
DAS ENDE DES REGENBOGENS, Uwe Frießner, BRD 1979 Frießner hinterfragt hier indirekt die Errungenschaften und die Grenzen der gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Ziele der 68er. [24} Die WG kann die Eingliederung eines sozial Randständigen nicht leisten. Sie bietet zwar insbesondere in der Figur des 'Philosophen' für Jimmy eine Brücke, die ihm beim Einstieg in die Arbeitswelt hilft. In der WG wird versucht, die Versäumnisse der Familie und anderer gesellschaftlicher Institutionen auszugleichen: ‘Lernen’ sich in die Gesellschaft einzugliedern, einen Weg finden und eine Sprache zu sprechen, die anerkannt ist. Hier wird mühselig aufgebaut, was an Gefühlen und Selbstvertrauen jahrelang zuvor zerstört wurde. Die kleinen Erfolge führen zu einer kurzen Euphorie, sie scheitern aber an den Anforderungen der Arbeitswelt. Eingliederung in die Arbeitswelt erfordere den Willen dazu, das hört Jimmy von seinem kurzzeitigen Chef:"Ich sehe schon, Sie geben sich Mühe. Wenn Sie willig sind, werden wir uns schon verstehen." Doch in der harten Arbeitswelt ist Mitleid nicht angesagt, und es wird keine Rücksicht auf individuelle Versäumnisse und Eigenheiten genommen. Jimmy findet nicht die ‘richtige Einstellung’ zum Arbeiten, er ist es gewohnt, mit kleinen Diebstählen und geringerem Aufwand einen größeren Erfolg zu erzielen.  
 

[24] verschiedene Pressestimmen: Hansen, in: Die Welt vom 4.12.79: "Jimmy, (...) wird von der Studentenkommune, in der er unterkommt, im Grunde nicht begriffen, weil deren soziales Außenseitertum eben nur für die Zeit bis zum Examen gilt." Oder Beckert, in: Saarbrücker Zeitung vom 25.1.80: "Die Studenten zum Beispiel, die in einer Wohngemeinschaft leben und Jimmi aufnehmen, ihm sogar Arbeit verschaffen - sie provoziert Jimmi durch sein Verhalten dazu, daß sie schließlich fast genauso reagieren wie Jimmis Eltern oder wie der Beamte, der ihm einen neuen Personalausweis ausstellen soll: Mit dem Anspruch auf Dankbarkeit nämlich oder mit der Verachtung und dem Dünkel derer, die sich dem Ungebildeten überlegen fühlen."

DIF, 3.4.2000  

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