Renate Jost
Grenzenlose Freiheit - begrenztes Leben
4. Neuer Realismus - sozialkritische Blicke

DAS ENDE DES REGENBOGENS, Uwe Frießner, BRD 1979

Das Sich-Einlassen auf Realität kennzeichnet die Haltung von Nüchtern, Winkelmann und Frießner. Der Wunsch nach Realismus steht über den Kunst-Ambitionen: "Stil entsteht hier scheinbar von selbst durch den entschlossenen Zugriff auf unsere Wirklichkeit und nicht als Ergebnis primär ästhetischer Vorsätze."[27]

Die ‘realitätsbezogenen’ Jugendfilme lassen sich auf die Probleme und Stimmungen der Jugendlichen ein, indem sie sie beobachten.

"Sie leben von Authentizität, Erfahrungen und einer Phantasie, die vor der Wirklichkeit nicht flüchtet, sondern sie verändern will. (...) Es sind interessante Jugendfilme, die Bedürfnisse nach Abenteuer, Abwechslung, Anerkennung, Geborgenheit, Liebe, Zärtlichkeit aufgreifen und in Bezug zu Alltag und Lebenszusammenhang bringen." [28]

Diese Haltung war mitbestimmend für die Auswahl der Filme unter dem Blickwinkel der Alltags- und Erfahrungsgeschichte. Es sind Filme, die sich mit zeitnahen Begebenheiten auseinandersetzen und einen sozialkritischen Blick auf die bundesrepublikanische Gesellschaft werfen. Ausgangspunkt sind nicht theoriegeleitete Gesellschaftsanalysen, die Regisseure nehmen Stimmungen und Entwicklungen im kleinen, individuellen Umfeld wahr und vermitteln diese realitätsnah ihrem Publikum.

In der Analyse wurden verschiedene Begriffe für diese Richtung verwendet. So z.B. ‘dreckige kleine Filme’ (Blumenberg) oder ‘authentischer Jugendfilm’ (Baacke). Diese Begriffe verdeutlichen die Abgrenzung zu den ästhetischen Produktionen der bekannten Regisseure des Neuen Deutschen Films (Kluge, Herzog, Wenders, Fassbinder). Sie deuten eine Tendenz des deutschen Films an und blicken auf eine Generation von Regisseuren, die in den 60er und 70er Jahren einen realitätsbezogenen Stil geprägt haben, der nur kurz Konjunktur hatte. Realitätsnähe im bundesrepublikanischen Kino der 90er Jahre findet sich erst wieder in Wolfgang Beckers DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE (1995-97). Eine Verbindung zu neueren Entwicklungen läßt sich besonders über Winkelmanns Film DIE ABFAHRER herstellen. Der Film ist eine politische Gesellschaftskomödie, die in den 90er Jahren Parallelen zu den sozialkritischen Filme aus England aufkommen läßt (Filme wie BRASSED OFF [Mit Pauken und Trompeten, 1996], THE FULL MONTY [GANZ ODER GAR NICHT, 1997] MY NAME IS JOE [Mein Name ist Joe, 1998]).

 
 

[27] H.G. Pflaum, Süddeutsche Zeitung vom 02.12.79.

[28] Niesyto / Simon, 1985. S. 77.

DIF, 3.4.2000  

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