Renate Jost
Grenzenlose Freiheit - begrenztes Leben

5. Blick aus den 90er Jahren zurück

Meine subjektive Auswahl ist von den Erfahrungen der eigenen Jugendzeit Ende der 70er Jahre beeinflußt. Der Blick zurück in die 70er Jahre bedeutet die Rückerinnerung an die Grenze zwischen Kindheit und Jugend. Zur Zeit der Studentenrevolte gerade mal ‘windelfrei’ und kindergartenreif, begann die Eingliederung in die Gesellschaft. Aufgewachsen bin ich als Schlüsselkind in einer Kleinstadt mit ‘Dorfcharakter’, am Ende der kinderreichen Jahrgänge. Während der Schulzeit kam ich in den Genuß der Gesamtschule vor Ort, eine bildungspolitische Maßnahme, die Ergebnis der Diskussion um Chancengleicheit war. Hier sammelten sich auch die Schülerinnen und Schüler der umliegenden Dörfer. Konfrontiert mit Lehrern der alten Schule und den kritischen jungen Lehrern, waren wir hin- und hergerissen zwischen den autoritären, antiautoritären und linksorientierten Ansprüchen und Ansichten. Aus einer Arbeiterfamilie kommend, sollte ich mich in der Schule mit Brechts ‘Herrn K.’ auseinandersetzen. Da prallten Welten aufeinander. Zu Hause in einem Lebensstil, der auf Absicherung des Lebensstandards aus war, in der Schule Auseinandersetzung mit gesellschaftskritischen Texten, so wurde ich aufs eigenständige Leben vorbereitet. Das Abitur ablehnend, da ich keine Lust mehr auf Schule hatte, begab ich mich auf Ausbildungsplatzsuche und fand einen zu dieser Zeit (1981) heißbegehrten in einem Bereich meiner Wahl. Dies bedeutete auch Abschied von der Kleinstadt und Einlassen auf das Leben in der Großstadt. Doch die vorher so heiß ersehnte Freiheit in der Stadt verlor schnell ihren Reiz und ging ins normale Leben über. Nach der Ausbildung hatte ich zwar einen Beruf, doch keinen Arbeitsplatz, der in diesen Zeiten schwer zu erhalten war, weil überall berufserfahrene Kräfte bevorzugt wurden. Zu dieser Zeit stellte sich die Frage der Neu- und Umorientierung für mich.

Mein Blick zurück auf die Filme der 70er Jahre bedeutet auch eine Auseinandersetzung mit der bundesrepublikanischen Gesellschaft, die ich während meiner Jugendzeit in ihrem Umfang nur begrenzt wahrgenommen habe. In den ‘realitätsbezogenen’ Jugendfilmen werden Blicke und Stimmungen von Jugend der 70er Jahre vermittelt, die sich teilweise in meinen Erinnerungen wiederfinden: Erinnerungen an Jugendkultur, Konflikte, Sehnsüchte, die Suche nach dem eigenen Weg, die Abgrenzung zur Generation der Eltern. Genauso wie die Suche nach dem Selbst, die Identitätsfindung als Prozeß, nicht mit der Jugend endet, ist in den Wünschen, Hoffnungen, Träumen das Bedürfniss nach Freiheit immer noch latent vorhanden. Die Filme vermitteln ein Bild von Jugend in einer Zeit, in der Gesellschaft immer unübersichtlicher wurde, Orientierungen schwerfielen und eine pessimistische Grundstimmung vorherrschte.

 
 

 

DIF, 3.4.2000  

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