Florian Vollmers
Schulterschluß von Tradition und Erneuerung

Einleitung

 

Nach der Unterzeichnung des Oberhausener Manifestes

(c) Haro-Senft-Film

In den sechziger Jahren treffen in der Bundesrepublik Deutschland Tradition und Erneuerungswille hart aufeinander – sowohl in der Gesellschaft als auch im deutschen Film. Bereits 1962 stehen die Schwabinger Krawalle und das "Oberhausener Manifest" einer Reihe junger Filmemacher für den Willen, den Stillstand der Adenauer-Ära zu überwinden. Doch die Bequemlichkeit und die Angst vor Veränderung sind hartnäckiger als erwartet. Die Deutschen sind in diesen Jahren so reich wie nie zuvor. Sie reisen so häufig wie nie zuvor. Das Kommerzkino im Stil der fünfziger Jahre beherrscht den Markt, während der Neue Deutsche Film es mit künstlerischer Qualität versucht (vgl. "Entfernung trotz Erneuerung"). 

In der Dekade sind die Serien der Karl May- und Edgar Wallace-Filme am erfolgreichsten. Dem Alltag der sechziger Jahre setzen sie Exotik und Fremdheit entgegen und werden so zum filmischen Spiegel einer verunsicherten Gesellschaft. Der deutsche Held im Wilden Westen, der deutsche Held bei Scotland Yard: Die Fremde ist Spiegel der Heimat. Das Publikum jener Jahre flüchtet in die Sicherheit einer festgefügten filmischen Welt, in die reine Unterhaltung.

 
FREDDY UNTER FREMDEN STERNEN, Wolfgang Schleif, BRD 1959  
 

„Es kommt der Tag, da will man in die Fremde. Dort, wo man lebt, scheint alles viel zu klein. [...] Aber dann in weiter Ferne hab' ich Sehnsucht nach Zuhaus'" singt Freddy Quinn im Film FREDDY UNTER FREMDEN STERNEN (1959). Der Text beschreibt ein Phänomen, das im bundesrepublikanischen Film der sechziger Jahre immer wieder auftaucht: Fernweh. Es ist der Wunsch, einer Heimat zu entfliehen, die klein und provinziell wirkt und in der eine jüngste Vergangenheit lauert, die noch lange nicht verarbeitet ist.

Nur einige wenige Versuche, den Nationalsozialismus zu thematisieren, stechen aus dem Gros der Produktion heraus. Zwar werden bis weit in die sechziger Jahre hinein Heimatfilme nach dem Muster der vielgescholtenen seichten Unterhaltung der fünfziger gedreht, aber der Drang ins Ausland und zum Internationalen wird unübersehbar. Die Wirtschaftswunderkinder haben Geld und verreisen oder erwarten in der Fremde das große Glück. Schiffe, Flughäfen, Bahnhöfe werden zu Lieblingsschauplätzen, die große weite Welt lockt und wird den Daheimgebliebenen in schönen Postkartenbildern vorgeführt. Dabei wird vor keinem nationalen Stereotyp zurückgeschreckt, und sobald man sich in der Ferne befindet, meldet sich die Sehnsucht nach der Heimat.

Spätestens 1968 bricht der Generationenkonflikt offen aus. Auch in der Filmproduktion der sechziger Jahre zeigt sich diese Konfrontation: Auf der einen Seite steht die Jugend selbst, die zum ersten Mal in der BRD überhaupt in der Lage war, Filme zu produzieren und ein eigenes Bild zu zeichnen. Dies waren jedoch stets nur Einzelfälle, die im Meer kommerzieller Großproduktionen von "Opas Kino" untergehen mußten. Eine Reihe von jungen Regisseuren versuchte, für sich zu sprechen, und auf Themen und Probleme ihrer eigenen Generation aufmerksam zu machen. Auf der anderen Seite befinden sich die "Jugendfilme", die von und aus der Sicht der Elterngeneration entstanden sind. Sie werfen einen zwiespältigen, letztlich immer ablehnenden und belehrenden Blick auf die Jugend der sechziger Jahre. Sie geben einer gewissen Scheinheiligkeit Ausdruck, die in einem zwiespältigen Blick auf die jugendliche Sexualität deutlich wird. Der Blick ist stark voyeuristisch geprägt und ist damit Ausdruck eines ausgeprägten Wunschdenkens. Dennoch wird gleichzeitig, meist auf narrativer Ebene, der jugendliche Umgang mit Sexualität belehrend verurteilt (vgl. "Lange Haare - kurzer Verstand?").

 
 
Vgl. auch Literaturliste
DIF, 3.4.2000     

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