Florian Vollmers
Der Softsex-Feldzug gegen die Zügellosigkeit

MADAME UND IHRE NICHTE, 1969, Regie: Eberhard Schröder
  Eberhard Schröders MADAME UND IHRE NICHTE von 1969 greift Verhaltensweisen auf, die Ende der sechziger Jahre der bundesdeutschen Jugend zugerechnet wurden: Sex als reine Triebbefriedigung, Nichtstuerei, Drogenkonsum. In gleichzeitig voyeuristisch faszinierter und angeekelter Haltung verurteilt der Film das Treiben der Jungen als verderbliche Unmoral.   
MADAME UND IHRE NICHTE, Eberhard Schröder, BRD 1969

Eine Anzeige des Nora-Filmverleihs kündigt Mitte 1969 den Film MADAME UND IHRE NICHTE unter anderen Projekten wie WILLST DU EWIG JUNGFRAU BLEIBEN, PUDELNACKT IN OBERBAYERN, HUGO DER WEIBERSCHRECK und DER MANN MIT DEM GOLDENEN PINSEL an. Die Soft-Sex-Welle ist in der deutschen Filmindustrie seit Mitte der sechziger Jahre in Bewegung und stellt sich als besonders lukratives Unternehmen heraus. Bekannteste und erfolgreichste Ausläufer sind die REPORT-Filme und die Produktionen des ehemaligen Spediteurs Alois Brummer (beispielsweise GRAF PORNO UND SEINE MÄDCHEN).[1]

MADAME UND IHRE NICHTE gibt als typisches Beispiel des deutschen "Erotikfilms" der sechziger Jahre die ungeheure Verklemmtheit, mit der die damalige Gesellschaft in der BRD offensichtlich auf die sexuellen Befreiungsversuche der Jugendbewegung reagierte, wieder. Der Film zeugt von einem Voyeurismus, der in seiner Zurückhaltung und vor allem in der Verfremdung des Beobachteten von Beschämung und Verschlossenheit spricht. Es werden Motive und Themen der Jugendkultur aufgegriffen, dann aber zutiefst verabscheut und verurteilt. 

 

 
MADAME UND IHRE NICHTE, Eberhard Schröder, BRD 1969

Im Gegensatz zu SIEBZEHN JAHR - BLONDES HAAR ist MADAME UND IHRE NICHTE kein Film, der einen jugendspezifischen Plot besitzt. Vielmehr werden Elemente der Jugendkultur hier in Nebenhandlungen aufgegriffen oder als die Dramaturgie unterfütternde Themen benutzt. Sie treten dann jedoch so massiv und gehäuft in den Vordergrund, daß sie zu bestimmenden Faktoren des Films werden.

Der Handlungsverlauf von MADAME UND IHRE NICHTE richtet sich nach Yvettes Plan, Peter zur Hochzeit zu bewegen. Damit bezieht sich der Film auf ein heißes Eisen der ausgehenden sechziger Jahre: "Freie Liebe" versus Ehe und die damit verbundene Treue in einer Liebesbeziehung. Am Ende des Films steht die glückliche Hochzeit zweier Figuren, die zuvor einem anderen Lebensstil zugeordnet waren. Mit den Gruppensex treibenden WG-Mitbewohnern Yvettes und dem Happening "Suchen Sie Kontakt!" wird dieser als jugendlich empfundene Lebensstil bösartig karikiert und abgelehnt. Die bürgerliche Institution Ehe ist wie in SIEBZEHN JAHR - BLONDES HAAR Glücksversprechen und Garantie für eine gesunde Gesellschaft. 

 
  [1] Ein entlarvendes Porträt dieser Facette der deutschen Filmindustrie in den sechziger Jahren liefert Hans-Jürgen Syberbergs SEX-BUSINESS MADE IN PASING von 1969.
DIF, 3.4.2000
 
 

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