Florian Vollmers
Entfernung trotz Erneuerung
Die Situation der westdeutschen Filmwirtschaft in den sechziger Jahren
DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE, Jürgen Roland, BRD 1960

Die sechziger Jahre sind für den westdeutschen Film das Jahrzehnt, in dem sich das Publikum entschlossen vom Kino abwendet. Das Kinosterben und der Zuschauerschwund nehmen rasend schnell zu. Ein filmwirtschaftlicher Niedergang findet statt, den selbst die Innovationen und Hoffnungen des Neuen Deutschen Films nicht aufhalten können. Der deutsche Film erlangt in dieser Zeit wieder künstlerische Qualität und internationale Geltung, aber die Menschen gehen nicht mehr ins Kino.

Die sechziger Jahre sind auch das Jahrzehnt der Spaltung in "Alt- und Jungfilmer". Eine etablierte Filmproduktion, die immer spekulativer, serieller und einfallsloser wird, steht einer Bewegung junger Filmschaffender gegenüber, die um Förderung, Ausbildung und Qualität kämpft, all dies auch in gewissem Maße erhält - nur nicht die Gunst des breiten Publikums.

Zu Beginn des Jahrzehnts stehen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. In den Jahren 1960 bis 1965 beherrscht Einheitsware den deutschen Kinomarkt. Überwiegend werden Schlagerfilme, Krimis und Agentenfilme, Western und immer noch Heimatfilme produziert. Ruth Leuwerik und O.W.Fischer sind die beliebtesten Stars. Die Publikumszahlen gehen stetig zurück. Immer mehr Verleihfirmen müssen fusionieren oder gehen ganz ein. 1961 schließen die Göttinger Film-Ateliers und die Ufa vereinigt sich mit der Deutschen Filmhansa. Diese Gemeinschaft bricht schon im Januar 1962 zusammen – nach 6 Millionen DM Verlust im Vorjahr. Der deutsche Marktanteil im Kinogeschäft sinkt auf 28,5%. 1960 lag er noch bei knapp 50%. Zwar ist mit DER SCHATZ IM SILBERSEE und WINNETOU eine neue Erfolgsserie gestartet, doch der deutsche Film scheint insgesamt zum Stillstand gekommen zu sein. Der Kritiker Joe Hembus schreibt seine berühmte Abrechnung "Der deutsche Film kann gar nicht besser sein" – ein "Grabgesang".


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Besucherzahlen


Deutscher Marktanteil

Niedergeschlagen beobachtet man die neuen Filmbewegungen im Ausland - die "Nouvelle Vague" in Frankreich, das "New British Cinema" in Großbritannien - und versteht nicht, wieso dies in Deutschland unmöglich ist. Unzufriedenheit über die mangelnde Qualität des deutschen Films hat nicht nur die Vertreter der Filmindustrie befallen, sondern auch bundesdeutsche Politiker. Man bescheinigt der eigenen Filmproduktion Einfallslosigkeit und Konventionalität. 1962 warnt ein Bericht der Bundesregierung über die Situation der deutschen Filmwirtschaft vor einer "geistigen Beeinflussung durch ausländische Filme" und fordert eine Stärkung des deutschen Films auch zur "Abwehr der außerordentlich starken Kulturoffensive des Ostblocks".

Im Februar desselben Jahres veröffentlicht eine Gruppe junger angehender Filmemacher das "Oberhausener Manifest", das mit den Worten schließt: "Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen." Sie fordern eine künstlerische Erneuerung und wirtschaftliche Verhältnisse, die dies ermöglichen können. Bereits im Oktober richtet Alexander Kluge das Institut für Filmgestaltung in Ulm ein – die erste Ausbildungsstätte für deutsche Filmemacher. Die Oberhausener lassen jedoch noch auf sich warten. 1963 sind sie auf verschiedenen Festivals mit ihren ersten Kurzfilmen zu sehen und enttäuschen durchweg. Ansätze einer kritischen deutschen Filmkultur können sich dennoch langsam durchsetzen.

1963 wird die Deutsche Kinemathek in Berlin eröffnet. Ihre ersten Schätze stammen aus dem Privatarchiv von Gerhard Lamprecht und Albert Fidelius. Ihre Hauptaufgabe ist die Filmarchivierung. Im selben Jahr erscheint erstmalig die Zeitschrift "Film", die nun gemeinsam mit der bereits seit 1957 existierenden "Filmkritik" eine entscheidende Plattform für anspruchsvolle Filmkultur bildet.

Inzwischen erregt die Verteilung der neu eingeführten Drehbuch- und Spielfilmprämien des Bundes Aufsehen. Sie stellen den Beginn einer deutschen Filmförderung dar, doch unterstützt werden zunächst nur konventionelle Projekte. Weiterhin bewahrt nur der Erfolg der Edgar-Wallace-Filme und der Karl-May-Serie die deutsche Filmindustrie vor dem Zusammenbruch.

Erst 1964 werden einige Jungfilmer-Projekte gefördert. So erhalten DER JUNGE TÖRLEß, ABSCHIED VON GESTERN und SCHONZEIT FÜR FÜCHSE Drehbuchprämien. Im folgenden Jahr erreicht die westdeutsche Filmproduktion ihren bisherigen Tiefstand. Nur 65 deutsche Filme kommen in diesem Jahr in die Kinos. Zahlreiche Verleihe werden von US-amerikanischen Großfirmen aufgekauft oder müssen den Betrieb ganz einstellen. Zur selben Zeit schreibt die französische Zeitschrift "Cahiers du Cinéma" über Jean-Marie Straubs NICHT VERSÖHNT, der auf der Berlinale Premiere hat, daß dies "der größte deutsche Film seit Fritz Lang und Murnau" sei.

Von nun an macht der Neue Deutsche Film auf sich aufmerksam. Im Verlauf des Jahres 1966 begründen die Erstlingsfilme von Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Alexander Kluge, Peter und Ulrich Schamoni den internationalen Ruhm des Neuen Deutschen Films: In Berlin, Cannes, Venedig und auf anderen Festivals räumen sie Preise ab und erhalten hymnische Kritiken. Von allen Seiten wird dem deutschen Film Talent und Temperament attestiert. Der Publikumsrückgang in den deutschen Kinos geht weiter.

Klaus Eder, Die Zeitschrift "FILMKRITIK" (Goethe-Institut)
  
DIF, 3.4.2000 
 
 


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