Florian Vollmers
Entfernung trotz Erneuerung 
Die Situation der westdeutschen Filmwirtschaft in den sechziger Jahren
Katarina Haertel und  Régis Vallée in: OSWALT KOLLE - DAS WUNDER DER LIEBE, Franz J. Gottlieb, BRD 1967

In der BRD hat sich inzwischen mit Filmen wie HELGA und OSWALT KOLLE - DAS WUNDER DER LIEBE ein neues Genre etabliert: der Sexfilm. Mit Anteilen von jeweils 27 % machen Neuer Deutscher Film und Sexfilm den Großteil der Jahresproduktion von 1967 aus. 

Nach langwierigen Streitereien wird das Filmförderungsgesetz [1] erlassen. Auf der Grundlage einer Abgabe über jede einzeln verkaufte Eintrittskarte wird ein Fond geschaffen, der deutsche Filmproduktionen mitfinanzieren soll. Die Richtlinien verlangen, daß gewisse kommerzielle Sicherheitsanforderungen erfüllt sein müssen. Auf diese Weise werden fast ausschließlich erfolgreiche Serien wie die Aufklärungswelle gefördert, während der Nachwuchs weitgehend ignoriert wird. Die Entfremdung zwischen "Alt- und Jungfilmern" nimmt immer stärker zu. Der Kommerzfilm wird immer berechnender, während die neuen Talente vermehrt nach ausländischen Festivals Ausschau halten müssen, um ihre Filme überhaupt spielen zu können. Auf eine gemeinsame Basis zur Wiederbelebung der deutschen Filmindustrie kann und will man sich nicht einigen. Alexander Kluge spricht von einer verhängnisvollen Polarisierung zwischen "Pornokultur und Kunstfilmkultur". 1967 wird auch die Hochschule für Film und Fernsehen in München eröffnet, nachdem im Jahr zuvor bereits in Berlin die Deutsche Film- und Fernsehakademie gegründet worden war. 

Im Jahr 1968 gewinnt der Sexfilm mit 44 % Anteil an der Jahresproduktion die Überhand. Die protestierenden Studenten fordern vom Neuen Deutschen Film mehr politisches Engagement und verurteilen die "Unverbindlichkeit" und den "Narzißmus der Filmpoeten". In Oberhausen kommt es zu Tumulten und fast zum Abbruch des Filmfestivals, nachdem Hellmuth Costards BESONDERS WERTVOLL zurückgezogen worden war. In diesem Kurzfilm macht sich ein Penis in Großaufnahme über das Filmförderungsgesetz lustig. Im selben Jahr erhält Johannes Schaafs TÄTOWIERUNG den Bundesfilmpreis. 
 

 

 

LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD, Rainer Werner Fassbinder, BRD 1969
1969 werden Rainer Werner Fassbinders erste Filme gezeigt: KATZELMACHER und LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD. Trotz der neuen Strömungen im deutschen Film ist die Filmwirtschaft am Ende. Große und auch neu gegründete, kleine Verleihe müssen aufgeben. In diesem Jahr macht der Sexfilm 50 % der Filmproduktion aus. Volker Schlöndorff konstatiert: "Jetzt ist die alte Filmindustrie restlos zusammengebrochen." Der Neue Deutsche Film verhilft immer mehr jungen Talenten zum Durchbruch, doch das breite Publikum kann er nicht begeistern. 1970 gehen nur noch 160 Millionen Menschen ins Kino. 1959 waren es noch 671 Millionen gewesen. Das Kinosterben hat die Anzahl der Abspielstätten im Zeitraum von 1960 bis 1970 von ca. 7000 auf ca. 3500 Stück halbiert. Das Kino hat in der BRD als beliebter Freizeitort ausgedient. Der Trend wird sich im kommenden Jahrzehnt fortsetzen. 

Eine Studie des New Yorker "Institute for Motivational Researc" über die Einstellung des deutschen Publikums gegenüber dem Kino, veröffentlicht im September 1970, kommt zu dem Ergebnis:"Das Kino wie das Filmangebot entsprechen seit geraumer Zeit nicht mehr den Publikumsbedürfnissen." Die sechziger Jahre sind das Jahrzehnt, in dem sich der westdeutsche Film trotz Erneuerung immer weiter vom Publikum entfernt hat. 

Florian Vollmers 

Zahl der Leinwände
  [1] Vgl. auch das aktuelle Filmförderungsgesetz.
DIF, 3.4.2000 
 
 

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