Florian Vollmers
Lange Haare - kurzer Verstand?

Die westdeutsche Jugend aus ihrer eigenen Sicht und aus der Elternperspektive 
im bundesrepublikanischen Spielfilm der sechziger Jahre (I)
SCHONZEIT FÜR FÜCHSE, Peter Schamoni, BRD 1965/66

Wie kein anderes Jahrzehnt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sind die sechziger Jahre geprägt durch eine Jugend, die selbstbewußt ihre Stimme erhebt. Zum ersten Mal seit Kriegsende wird so etwas wie eine Jugendkultur wahrgenommen. Die Reaktionen der Eltern sind zum größten Teil Erschrecken und Panik. Besonders der politische Aktionismus, der mit der Studentenbewegung im Jahr 1968 unübersehbar wird, macht der etablierten bundesdeutschen Gesellschaft Angst. Die Söhne und Töchter stellen Fragen, geben ihrer Unzufriedenheit Ausdruck und wollen Veränderung. Skepsis bis Ablehnung stehen einer jungen Generation gegenüber, die hoffnungsvoll einer in ihren Augen zum Stillstand gekommenen Gesellschaft zum neuen Aufbruch verhelfen will. So schildern es die Geschichtsbücher. 

DEUTSCHES HISTORISCHES MUSEUM, Jugendkultur 1955 und 1963

SCHONZEIT FÜR FÜCHSE, Peter Schamoni, BRD 1965/66

Wie vermittelt sich die damalige Situation für uns heute durch die Filmgeschichte? Auch in der bundesdeutschen Filmindustrie bilden sich ab Mitte der sechziger Jahre Fronten zwischen Alt- und Jungfilmern (Entfernung trotz Erneuerung). Der Neue Deutsche Film entsteht, mit Filmen wie Volker Schlöndorffs DER JUNGE TÖRLESS (1966) oder Jean-Marie Straubs NICHT VERSÖHNT (1966). Zwar wurde schon 1962 im von 26 jungen Filmemachern unterzeichneten "Oberhausener Manifest" das alte Kino für tot erklärt und ein neuer deutscher Film ausgerufen, doch erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts nahm man die jungen Talente auch wahr. Die bundesdeutsche Filmindustrie liegt zu dieser Zeit unverändert in den Händen der "Väter". Sie haben seit Ende des Krieges kontinuierlich und ohne sichtbaren Bruch ihr Metier weitergeführt und dominieren auch während des großen Jugendaufbruchs den Markt mit Einheitsware: Schlagerfilme, Lustspiele, Krimis und Abenteuerfilme. Mit Abstand die größten Erfolge des Jahrzehnts sind die Filmserien nach Vorlagen von Edgar Wallace und Karl May.

 
SCHONZEIT FÜR FÜCHSE, Peter Schamoni, BRD 1965/66

Der filmhistorische Rückblick handelt im allgemeinen die großen kommerziellen Erfolge von "Opas Kino" mit einer kurzen Pflichtbemerkung ab und beschränkt sich ansonsten auf die ästhetischen und politischen Neuerungen des Neuen Deutschen Films. Tatsächlich konnten diese jungen Regisseure nur unter schwierigen Bedingungen Filme realisieren und ins Kino bringen. Dies war nur durch staatliche Förderung zu bewerkstelligen. Der kommerzielle Erfolg stellte sich erst mit Fassbinder, Herzog und Wenders in den siebziger Jahren ein. Die neuen Filme der jüngeren Generation in den sechziger Jahren waren fast alle wirtschaftliche Mißerfolge. 

Neu war jedoch, daß die Jugend quasi durch Vertreter aus den eigenen Reihen in der Lage war, ein Bild ihrer Situation zu zeichnen. Zum ersten Mal in der BRD war Filmemachern, die nicht "Opas Kino" angehörten, die Möglichkeit gegeben, ihre Sicht der gesellschaftlichen Situation jener Zeit zu schildern. Den verharmlosenden und züchtigenden Jugenddarstellungen aus dem Kino der fünfziger Jahre konnte nun endlich etwas entgegengestellt werden. Freilich waren dies nur Einzelfälle, die im Meer kommerzieller Großproduktionen der etablierten Filmwirtschaft untergehen mußten. Doch der Versuch, für sich zu sprechen und auf Probleme der jungen Generation aufmerksam zu machen, blieb nicht unbeachtet. 

 
  
DIF, 3.4.2000 
 
 

 
 
  nächste Seite Kapitelübersicht zurück