Dirk Loew
Die Karl-May- und Edgar-Wallace-Filme

WINNETOU II, Harald Reinl, BRD/Jugoslawien 1964

WINNETOU III, Harald Reinl, BRD/Jugoslawien 1965

1. Einleitung 

Das populärste Genre der fünfziger Jahre war der Heimatfilm. Die mit Abstand größten Publikumserfolge des folgenden Jahrzehnts waren jedoch die Verfilmungen von Romanen des deutschen Schriftstellers Karl May und Kriminalromanen des englischen Autors Edgar Wallace. Diese beiden Filmserien dominierten den bundesrepublikanischen Filmmarkt der sechziger Jahre und verschleierten auf Grund ihrer Popularität den desolaten Zustand der heimischen Filmindustrie. 

Die Filme nach Erzählungen Karl Mays, insgesamt 16, fanden in der Zeit von 1962 bis 1968 ihr (vorwiegend jugendliches) Publikum. Die Filmserie nach den Krimis von Edgar Wallace lief sogar noch länger, nämlich 13 Jahre, von 1959 bis 1972. 32 Filme wurden von der Rialto-Film hergestellt, Artur Brauners Konkurrenzunternehmen "CCC" produzierte 9 weitere epigonale Werke nach Vorlagen von Wallace. Verleiher und Finanzier der beiden Filmserien war jeweils die Constantin Film unter ihrem Produktionschef Gerhard F. Hummel. Die vorherrschenden Elemente beider  Serien (außer der Tatsache, daß sie von der gleichen Produktionsgesellschaft, nämlich der Rialto und ihrem Herstellungsleiter/ Produzenten Horst Wendlandt, hergestellt wurden) sind ihre offensichtliche Exotik von Handlung und Schauplatz und ihre Trivialität.

Warum wurden gerade die Filme nach den Reisemärchen des Karl May und den Krimis des Edgar Wallace so populär?
Welche sozialgeschichtliche Aussage läßt sich über eine Gesellschaft und Nation treffen, die sich offensichtlich mit Vorliebe in triviale Geschichten und die Exotik und den Schauer fremder und ferner Länder flüchtet?
Was sagt das Bild des deutschen Helden in der Fremde (ob als Shatterhand oder als Inspektor), ja die eigentümliche filmische Flucht in die Fremde überhaupt, über die Deutschen, ihre Heimat und über ihr Bild von sich selbst aus? 

Herrschte in den fünfziger Jahren noch das Gejammer um die verlorene Heimat (im Osten) vor, so hat sich das Bild in den sechziger Jahren dramatisch gewandelt: eine Nation wird zusehends mit ihrer unangenehmen Vergangenheit konfrontiert. Das bisher unter dem Deckmantel des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders verborgene schlechte Gewissen der Deutschen dringt in das nationale Bewußtsein vor (Verhaftung und Verurteilung Eichmanns, die Auschwitz - Prozesse in der Bundesrepublik, Aufdeckung der nationalsozialistischen Vergangenheit einiger führender Politiker, z.B. Filbinger, Lübke). 

Filmische Flucht aus der nun unangenehm gewordenen Heimat "BRD" nach Übersee ist die Folge dieses nationalen Bewußtseinswandels: in die Steppen des amerikanischen Westens, nach England in ein schauerlich-fantastisches London, in naiv-triviale Geschichten zweier literarischer Gaukler und Märchenerzähler. Um aufzuzeigen, wie sehr die Verfilmungen  Erfolgsrezept und populäre Motive der literarischen Vorlagen für ihre Zwecke genutzt haben, und wie Publikumserfolg durch ein anderes Medium kopierbar ist (denn darin liegt meiner Meinung nach u.a. das Geheimnis des Erfolgs der Filme begründet) , widmet sich das erste Kapitel dieses Textes den beiden Schriftstellern und ihrem Werk. 

 

DIF, 3.4.2000    

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