Dirk Loew
Die Karl-May- und Edgar-Wallace-Filme

2. Die literarischen Vorlagen

WINNETOU I. Harald Reinl, BRD/Jugoslawien/Frankreich 1963

2.1. Karl May

Karl May wird 1842 in Ernstthal im sächsischen Erzgebirge geboren. Nach diversen Straftaten verbüßt er mehr als sieben Jahre im Zuchthaus. 1875 beginnt er mit ersten schriftstellerischen Versuchen, 1876 veröffentlicht er bereits "Reiseerzählungen", die im Westen der Vereinigten Staaten spielen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1912 publiziert May unzählige Romane, Erzählungen, Reiseberichte von exotischen Orten in aller Welt, die er aber mit eigenen Augen erst in hohem Alter zu sehen bekommt. Als Schriftsteller ist er bereits zu Lebzeiten bekannt und erfolgreich. Das Genre des Reiseromans hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Blütezeit. Als weitere populäre deutschsprachige Autoren des Genres seien Friedrich Gerstäcker und Balduin Möllhausen genannt, sowie der Amerikaner John Treat Irving. Im Unterschied zu May haben diese Autoren die von ihnen geschilderten Reisen tatsächlich erlebt. Das wirklich Interessante an den Mayschen Werken ist, daß sie auch in späteren Jahren nie aus der Mode gekommen und der Vergessenheit anheimgefallen sind, wie zum Beispiel die (zu seiner Zeit weitaus populäreren) Romane des Balduin Möllhausen. Die Ursache für diese ungebrochene Beliebtheit liegt sicherlich darin, daß jede neue Generation jugendlicher Leser die fantastische Literatur des Sachsen wiederentdeckt. Allerdings waren Mays Werke niemals explizit "Jugendliteratur". Zum Zeitpunkt des Erscheinens der Erzählungen in Zeitschriften und später in Büchern bestand das Publikum aus niederen und mittleren Schichten. Die Zeitschriften, für die May schrieb, wendeten sich an ein bürgerliches, erwachsenes Publikum. Nur eine Handvoll seiner Romane, so zum Beispiel "Der Schatz im Silbersee", waren für eine junge, adoleszente Leserschaft bestimmt. Darüber hinaus scheint die "Botschaft", die die Romane des Karl May transportieren (christlich-humanistische Ideale) einer der wesentlichen Gründe für seinen anhaltenden Erfolg zu sein. Gerstäckers an Tatsachen orientierte Reiseberichte können heutzutage nicht mehr faszinieren, da jeder Leser mit Leichtigkeit selbst alle entfernten Orte dieser Welt aufsuchen kann. Die Fantastik der Romane Mays geht über eine nüchterne Reisebeschreibung hinaus. Die dauerhafte Anziehungskraft und die Zeitlosigkeit dieser Literatur mag darin begründet sein.  

 

DIF, 3.4.2000
 
 

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