Dirk Loew
Die Karl-May- und Edgar-Wallace-Filme

DER ZINKER, Alfred Vohrer, BRD 1963

2.4. Motive und Struktur der Krimis von Edgar Wallace

1. Der Held ist immer Polizist und kein "privater Ermittler". Anständig, ehrlich und unbestechlich verkörpert er die Idealvorstellung des pflichtbewußten Beamten.
2. Die Welt um den Helden herum ist immer korrupt. Der Leser lernt schnell, daß er niemandem trauen kann, nicht einmal dem Autor selbst, der alles daran setzt, sein Publikum zu täuschen.
3. Das zu lösende Rätsel/Geheimnis liegt immer in der Vergangenheit einer der Protagonisten, es geht um Geld oder andere weltliche Reichtümer. Geld ist auch zumeist die eigentliche Motivation für alle Morde, Täuschungen und sonstige Bosheiten.
4. Das Böse ist verborgen, versteckt, verkleidet. Bei Wallace (und in den Filmen) wimmelt es von Verkleidungen und Maskeraden.
5. Am Schluß wird das Verwirrspiel vom Helden gelöst, der Bösewicht seiner gerechten Strafe zugeführt, die Heldin geehelicht.
Ein humanistischer Gedanke, wie bei Karl May, ist in den Werken Edgar Wallace' nicht zu finden. Die Welt seiner Romane ist durch und durch korrupt und vom Bösen durchdrungen. Dies ist eine der Attraktionen seiner Bücher, denn der Leser wird an der Nase herumgeführt, das Rätsel ist von ihm nicht zu lösen, alles kommt sowieso anders oder schlimmer, als man annehmen möchte. Der einzige Fixpunkt in dieser Welt der Täuschungen und Verwirrungen ist der ermittelnde Beamte/Held, meistens von „Scotland Yard", der legendären Londoner Polizeitruppe. Die Romane handeln von der Gesellschaftsschicht der höheren Klassen Großbritanniens. Es wimmelt geradezu von Lords und Gräfinnen und anderen, rätselhaften adeligen Exzentrikern. Die bundesdeutschen Filme dagegen erschaffen ihr ureigenes Bild eines exotischen, aber auch durch und durch exzentrischen Britanniens. Dabei schrecken sie vor kaum einem Stereotyp zurück: Dauernebel in London, Lords mit Butlern, Sirs mit Spleen und Melonen. Die bei Wallace anklingende Kritik am gesellschaftlichen System des Königreichs ist für die bundesdeutschen Filme nicht von Interesse). Wallace geht es in seinen Krimis nicht um eine schlüssige, nachvollziehbare Handlung oder um detektivische Logik. Seine Romane spielen mit den Gefühlen und Ängsten des Lesers und nicht mit seiner Ratio. Wallace benutzt Spannungs- und Schauereffekte, eben alle Verkleidungen und Tricks der "gothic novel" wie Falltüren, unsichtbare Wände, Kellerverliese etc. Das Unheimliche funktioniert, weil der Zuschauer keinerlei sicheren Fixpunkt besitzt - außer dem unfehlbaren Beamten. Ähnlich wie bei den May-Verfilmungen halten sich die Wallace-Filme nicht akribisch genau an die literarischen Vorlagen, nutzen jedoch deren Struktur: Eine an die Angstgefühle des Publikums gerichtete, verworrene und undurchsichtige Erzählung dient als Vorwand für allerhand Spannungsmomente.

 

DIF, 3.4.2000
 
 

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