Dirk Loew
Die Karl-May- und Edgar-Wallace-Filme

5. Die Filme als Zeichen der Zeit

DIE TOTEN AUGEN VON LONDON, Alfred Vohrer, BRD 1960

5.1. Die Romantik und das Gruseln

Filme werden zu Publikumserfolgen, weil sie die Gefühlswelt der Zeitgenossen ansprechen und vorhandene gesellschaftlich-geistige Strömungen, Tendenzen, Ängste aufnehmen, kanalisieren, kompensieren, begreifbar und verständlich machen. Welche Zeitströmungen lassen sich also aus dem Erfolg der Wallace- und May-Filme ablesen? Was ist die Ursache, fernab von filmhistorischen Erklärungsmustern, ihres immensen Erfolges? Bei den Winnetou-Verfilmungen scheint der Grund offensichtlich: Eskapismus. Diese Filme sind dem bundesrepublikanischen Alltag weit entrückt, sie wirken aber gerade deshalb indirekt als Spiegel ihrer Zeit.

 
WINNETOU UND SHATTERHAND IM TAL DER TOTEN, Harald Reinl, BRD/Jugoslawien/Italien 1968 Die Karl-May-Filme gaben dem Publikum all das, was es in der Zeit des Kalten Krieges in der Wirklichkeit nicht gab: Ideale von Freundschaft und bedingungsloser Solidarität, Ehrlichkeit, Offenheit, Mut, den überzeugenden Glauben an das Gute im Menschen, der Sieg des Guten über das Böse. Die Filme schwelgen in märchenhafter, romantischer Verklärung von Liebe und Familie. Sie thematisieren die Suche und die Erschaffung von Heim und Heimat. Durch das Romantische und das Märchenhafte in den Filmen werden alle Bezüge zu Historie und Realität (eben ganz der Form eines Märchens entsprechend) negiert. Sie führen das willige Publikum in eine tröstende Ersatzwelt. Diese Ersatzwelt ist fantastisch, exotisch, unrealistisch, unkompliziert, eben trivial. Diese Welt ist in einem Schwarzweißkontrast gehalten (obwohl in Farbe gefilmt), und das Publikum weiß genau deshalb immer, woran es ist: Die Bösen erkennt jeder sofort, und die Guten kannte man schon, bevor es die Filme gab: Old Shatterhand aus Sachsen, ein guter deutscher Recke, ein teutonischer James-Bond-Superheld. Stets bereit, den Wilden Westen (wo immer dieser sein mag) zu erretten, im Auftrag von Gott. Die May-Filme sind ein radikaler Gegenentwurf zur Zeit, sie spenden dem bundesdeutschen Publikum Trost. Sie zeigen die deutschen Helden, die die Zuschauer selbst immer sein wollten und niemals waren: Old Shatterhand hätte Hitler und Konsorten zum Teufel geschickt.  

DIF, 3.4.2000
 
 

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