Katrin Linne 
Froh zu sein bedarf es wenig...! ... 

 

2.1.1 FERIEN VOM ICH (1952) 

Auf dem Land kurieren die Reichen ihre gesellschaftsbedingten Krankheiten, werden die Tüchtigen belohnt und die Korrupten bestraft. 

In der prächtigen Empfangshalle eines eleganten Hotels, irgendwo in Deutschland, werden eilig Anweisungen erteilt und Maßnahmen getroffen, um den Besuch des amerikanischen Wirtschaftsmagnaten George B. Stephenson perfekt vorzubereiten. Mit überzogenem Eifer ist der Hotelmanager bemüht, die gewünschte Anonymität und Ungestörtheit des prominenten Gastes zu wahren. Und nur der altgediente und abgeklärte Portier wagt es, seine Vermutung über dessen Identität zu äußern: "Das ist doch der Millionär". Und wird sofort vom Hotelmanager mit gestrenger Miene und ehrfurchtsvoll wichtigem Unterton korrigiert: "Der Multimillionär! 150 Millionen Dollar!"  [Hervorhebung der A.]

In diesem Fall verdeutlicht diese Konkretisierung eines Reichtums, welcher ohnehin eine für den damaligen Durchschnittsdeutschen unvorstellbare Größe besitzt, die Absurdität dieser Sequenz, wie auch des gesamten Films. Der Durchschnittskinogänger der 50er Jahre, mit den Gedanken noch beim harten Arbeitsalltag des Wiederaufbaus, beim Wiedereinfinden in eine Gesellschaft, die ihren Platz selbst noch nicht gefunden hatte [21], wird eine Person präsentiert, die sich nicht nur allein durch ‘Reichsein’ definiert, sondern deren Reichtum jedes vorstellbare Maß übertrifft (bereits der Kontostand von ‘nur’ einer Million wäre für den Durchschnittsdeutschen 1952 wohl kaum intellektuell greifbar gewesen). Wie in vielen weiteren Filmen dieses Genres ist die Herkunft des Reichen auch hier amerikanisch. (Vgl. auch DIE ROSEL VOM SCHWARZWALD (1956), DREI MÄDELS VOM RHEIN (1955) u.ä.). Der Begriff ‘Marshallplan’ fällt in dieser Sequenz zwar nicht, doch wenn der reiche Onkel aus Amerika Geld bringt, um den Lebenstraum des deutschen Doktors zu finanzieren, liegt diese Assoziation nah. 
Diese oberflächliche Annäherung an wirtschaftliche Zusammenhänge entspricht der oberflächlichen Informiertheit eines Großteils der damaligen Bevölkerung [22]. Wie Studien belegen, war dem Durchschnittsdeutschen damals nicht bekannt, daß - neben kleineren Geschenken der GIs wie Chewing Gum oder Silk Stockings und den offiziellen Care-Paketen - auch eine enorme finanzielle Wiederaufbau-Hilfe in Form des Marshallplans [23] von der Siegermacht USA geleistet wurde. 

 
  [21] Vgl. u.a. Schildt, 1993.

[22] In Allensbacher Umfragen wurde nachgewiesen, daß in breiten Bevölkerungsschichten kaum politisches Interesse bestand: 1952 gaben 25% der Bevölkerung an, sich für Politik zu interessieren, 25% überhaupt nicht und 40% nicht besonders. 60% war Anfang der 50er unbekannt, wie sich die Parlamentarische Demokratie zusammensetzt und 50% waren uninformiert über das Wirtschaftssystem der Sozialen Marktwirtschaft; zum Begriff ‘Marshallplan’ konnten 1949 50% keine Angaben machen. Dies änderte sich auch in den darauffolgenden Jahren nicht. Vgl. dazu Schildt, 1995. S. 315f.

[23] Beschluß des Marshallplans 1947: 17 Milliarden $ sollten in den nächsten 4 Jahren nach Europa fließen. Bis Ende 1951 waren es in der BRD 1,5 Milliarden Wiederaufbauhilfe. Vgl. John, Antonius. Aufbruch ins Wirtschaftswunder. In: Pörtner, 1979. S. 246.

DIF, 3.4.2000 
 
 

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