Inga Meißner
Die neunziger Jahre

DAS DEUTSCHE KETTENSÄGENMASSAKER - Die ersten Stunden der Wiedervereinigung

DAS DEUTSCHE KETTENSÄGENMASSAKER, Christoph Schlingensief, BRD 1990

Dieser Film kann als eine Alptraum-Inszenierung der Vereinigung gesehen werden. In einem wildem Gemisch aus allegorischen Szenen, Phrasen des Vereinigungsprozesses und Elementen von Splatterfilmen trifft er einen Nerv, der von der Wende bloßgelegt war.


"Es geschah am 3. Oktober..." . Clara (Karina Fallenstein) bringt ihren Ehemann in Leipzig um und fährt in den Westen. Dort entkommt sie um Haaresbreite einer Familie, deren Fleischerunternehmen es sich zur Aufgabe gemacht hat, aus Ossis Wurst herstellen. Dieser zarte rote Faden führt in die entsetzlich grotesken Abgründe einer Collage aus wirrem Geschrei, blutiger Metzgerei und Gewalt.

Der Film beginnt. Deutschlandfahne, Feuerwerk, Glocken: In Überblendungen von nationalen Symbolen mit Szenen des Festakts zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 werden die Zuschauenden in den Film eingeführt. Die Auswahl der nationalen Ikonen und die Art und Weise, in der mit Überblendungen gearbeitet wird, erinnern an Riefenstahls Eröffnungsbilder zum Olympiafilm. Das Bekenntnis zur Nation läßt zynisch grüßen. Sprachfetzen der Rede Richard von Weizsäckers holen diplomatische Leerformeln aus der Tiefe des "Volksgedächtnisses". Das "vereinte Deutschland im vereinten Europa" und weitere nichtssagende Phrasen einer offiziellen Feierlichkeit, verschwinden im Dunkel.

TEXT IM VORSPANN:

"Seit Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 haben Hunderttausende von DDR-Bürgern ihre alte Heimat verlassen. Viele von ihnen leben Leute unerkannt unter uns. Vier Prozent kamen niemals an..."

Ein Trabi fährt rasant an einem Blechschild vorbei, auf das jemand mit Farbe "DDR" gepinselt hat. Es kippt scheppernd um, doch der Trabi düst weiter. Nichts kann sie aufhalten, diese beiden Ossis, erst recht nicht der Untergang ihres Staates. Als Musik ist ein Marschlied der Genossen zu hören, doch die beiden Insassen schwenken schon fröhlich eine Coca-Cola-Dose in der Hand...

Doch sie haben nicht mit dem Familienunternehmen gerechnet. Die Schlingensiefsche Familie, die in vielen seiner Filme zu sehen ist, sitzt im Auto auf der Suche nach neuem Fleisch: Volker Spengler, Alfred Edel, Brigitte Kausch, Dietrich Kuhlbrodt. Sie singen grölend deutsches Liedgut: "Hoch auf dem gelben Wagen" im Mix mit "Maikäfer, flieg", begleitet von einer dilettantisch gespielten Violine. Doch schon haben sie die Ossis erspäht, die gerade planen, wie sie ihrer West-Tante Lotti ihr Haus abluchsen können. Ja, ja, die Ossis kommen nur, um sich auf Wessis Kosten hier einzunisten.

 
  
DIF, 3.4.2000    

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