Inga Meißner
Die neunziger Jahre

ÜBERALL IST ES BESSER, WO WIR NICHT SIND

Überall ist es besser, wo wir nicht sind, Michael Klier, BRD 1988/89

Warschau. Jerzy (Miroslav Baka) schenkt Ewa (Marta Klubovicz) einen Ring, obwohl sie sich eben das erste Mal gesehen haben. So bleiben sie einander in Erinnerung.

Die beiden jungen Polen Jerzy und Ewa sind (unabhängig voneinander) auf der Suche nach einem Ort, an dem sie glücklich werden können. Sie treffen sich zufällig immer wieder auf ihren Stationen: zuerst in Berlin, dann in New York. Doch die Orte gleichen sich in ihrer tristen Ausstrahlung; es gibt keine Stadt, die "besser" ist als eine andere. Daß sie sich gefunden haben, ist das einzige Merkmal von Heimat für beide. Der Film erzählt von der unermüdlichen Hoffnung, daß es im mythischen Westen einen Wunderort geben muß, wo das Fernweh ein Ende findet.

Drei Städte wirken - durch das Objektiv der Kamera Sophie Maintigneuxs - gleich: Warschau, Berlin und New York. Die Städte sind nur Regalschubladen, aus denen das Nötigste zum Leben genommen werden muß. Jerzy (Miroslav Baka) und Ewa (Marta Klubowicz) begegnen sich in Warschau 1988. Er hält sich mit Schwarzmarktgeschäften über Wasser, sie als Bedienung in einer Kneipe.

Jerzy und Ewa suchen nach etwas in ihrem Leben. Wonach, wissen beide nicht zu beantworten. Sie versuchen zunächst, jegliche Routine auf ihren eigentlichen Sinngehalt zu prüfen. Ihre ersten Worte zueinander lauten:

Er: Wie heißt du?
Sie: Hat das irgendeine Bedeutung?
Er: Sicher nicht.
Sie: Ewa.

Erst in der Übereinstimmung, daß Bedeutungen, Ziele und Sinn sehr schwer zu fassen, wenn nicht gar unmöglich zu begreifen sind, finden die beiden einen Anfang. Sie nennt ihren Namen, Jerzy schenkt ihr wenig später einen Ring. Das ist der Anfang einer Verbindung, die am Ende des Films der einzige Haltegriff für beide ist. Irgendwelche erstrebenswerte Ziele haben sie nicht gefunden, außer sich selbst.

Beide flüchten unabhängig voneinander nach Berlin und treffen sich dort zufällig wieder. Sie kommen sich näher, aber beide müssen sich erst einmal darum bemühen, selbst über die Runden zu kommen. Jerzy kellnert und arbeitet für einen Geldeintreiber. Das eine ist zu schlecht bezahlt, das andere zu brutal. Ewa fängt an als Putzfrau zu arbeiten, später ist sie Prostituierte. Das scheint Berlin zu sein: Je unwürdiger die Arbeit, desto mehr Geld verdient man dabei.

 

 
  
DIF, 3.4.2000  

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