Inga Meißner
Die neunziger Jahre

NOT A LOVE SONG

Not a Love Song, Jan Ralske, BRD 1996/97

In diesem Film wird ein Panoramabild der deutschen Gesellschaft und ihrer Mythen - vertreten durch verschiedene Figuren - gemalt. Dabei wirkt der Film nicht artifiziell, sondern zeichnet - durch seinen leisen Humor und die Glaubwürdigkeit der Schauspieler - menschlich-liebenswerte Charaktere.

Irgendwo in Ostdeutschland, in einem Kaff nahe der polnischen Grenze, versuchen drei Menschen auf ganz unterschiedliche Art, ihrem Leben Perspektiven zu geben. Karl, der in einem Kurs für Existenzgründer die Platitüden des kapitalistischen Marktes paukt, plant die Erschaffung eines großen Erholungsgebietes, mit Golfplatz und Hotels. Seine Pläne gründen sich auf der Hoffnung, daß dortige Wasser als Heilwasser deklarieren zu können. Für seine Freundin Luise hat er einen stillgelegten Bahnhof erworben, den sie - auch ganz in der Hoffnung, die Gegend würde mit dem Heilwasser wiederbelebt werden, in ein Café verwandeln will. Bruno steht diesen Plänen pessimistisch gegenüber. Er will weg, doch ohne Geld und ohne konkretes Ziel scheitert er. Karls in Auftrag gegebene Analyse ergibt jedoch: das Wasser taugt nicht als Heilwasser. Er zerstreitet sich mit Luise so sehr, daß sie mit Bruno abhaut. Dann wird ihnen das Fluchtauto gestohlen. Bruno gibt auf, Luise gelingt die Flucht trotzdem.

Viele Szenen charakterisieren nicht nur die Probleme innerhalb der Filmhandlung sehr treffend, sie lassen sich auch als Parallelen zu allgemeinen gesellschaftlichen Konflikten lesen. Beispielsweise sehen wir zu Anfang des Films Bruno, der in seinem (nach Freiheit und Jugendkultur duftendem) Oldtimer die Flucht antritt. Mit Sonnenbrille und Zigarette ausgestattet, fährt er in riskantem Fahrstil durch die ostdeutsche Provinz. Im Autoradio läuft ein Lied von D. Freel; "Fuck you, I’m just trying to find my way", lautet eine Textzeile. Alles deutet also auf Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Fernweh hin, die mit dieser Fahrt verfolgt werden. Doch dann scheitert die Weiterfahrt: das alte Auto bricht zusammen, der Kühler war überfordert. Um die Freiheit zu erreichen, braucht es nämlich mehr als ihre Ikonen und Träumerei; es braucht eine handfeste und zuverlässige Grundlage für den Weg.

 

 

Normale Ansicht einer ostdeutschen Provinz
oder risikofreudiges Huhn auf unsicheren Gleisen?
 
  
DIF, 3.4.2000   

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