Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

Filme der 70er Jahre in Bewegung - Einleitung
PARIS, TEXAS, Wim Wenders, BRD/F 1984 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Bewegung und Reisen sind zwei der Motive, die für mich die Faszination Kino ausmachen. Das gilt besonders für die zeitgemäße Form des filmischen Unterwegsseins im Road Movie, obwohl es voll "männlicher Attribute" steckt. Als Ausdruck von Auf- oder Ausbruch aus bestehenden Verhältnissen, von angestrebten oder möglichen Veränderungen sowie gesellschaftlichem Wandel scheint mir das nach wie vor aktuelle sowie internationale Genre auf Kinoleinwänden gerade zum ausgehenden 20. Jahrhundert wieder stärker vertreten zu sein.

Ab Mitte der 70er Jahre kommt das Motiv der Bewegung auffällig oft im bundesrepublikanischen Kino vor. Es wird meist als Road Movie umgesetzt. Die deutsche Übersetzung "Reisefilme" ist seinerzeit noch die gängigere Bezeichnung. Ungefähr 20-25 Jahre nach ihrer Entstehung habe ich die besprochenen Filme zum ersten Mal im universitären Rahmen des Projekts Sozialgeschichte gesehen.

Ausschlaggebend für die Motiv- und Filmauswahl war der Eindruck, daß der melancholische Grundton, der in vielen der bundesrepublikanischen Filme der 70er Jahre vorherrscht, durch die Fahrtszenen - getragen von Musik - oder die Einheit von Raum und Zeit in der Kamerabewegung aufgelöst wird. Aufbruch und Bewegung beinhalten das Versprechen, wo(anders) sein oder leben zu können. Diesem Moment von Utopie oder Hoffnung versuche ich im Verlauf der Untersuchung für ein Jahrzehnt nachzugehen, das für viele Anhänger der 68er Generation gerade durch das Scheitern der Studentenrevolte, den Verlust an allgemeingültigen Erklärungsmodellen von Welt, den Reformstau und die Wende in der linksliberalen Politik sowie die weltweiten ökonomischen und ökologischen Krisen markiert ist.[1] Davon abgesehen stehen die 70er Jahre aber auch für gesellschaftliche Bewegungen in Form von weitreichenden Veränderungen, sozialer Differenzierung, zunehmender Mobilität und Lösung aus festen Bindungen. Es stellt sich daher die Frage, ob und wie diese (sozial-) geschichtlichen und gesellschaftlichen Wandlungsprozesse in den Filmen durch Bewegung reflektiert werden?

 
  [1] Dietz / Schmidt / von Soden, 1997.
DIF, 3.4.2000  
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