Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

2.1. Mobilität im Film als Chiffre von Erfahrung
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, Peter Fleischmann, BRD/FR 1978/79

In SCHLUCHTENFLITZER (1978/79) von Rüdiger Nüchtern (besprochen von Renate Jost) wird ein Stück meiner eigenen Jugend in den 70er Jahren lebendig. Der Film fängt das Lebensgefühl von Jugendlichen auf dem Dorf ein. Lange Mopedfahrten machen die Geschwindigkeit und Mobilität nachvollziehbar, die das Erleben der Jugendlichen prägt. Sie stellen einen Gegenpol zur undramatisch gehaltenen Handlung dar, die um bäuerliches Elternhaus, Arbeit, Diskobesuche, Ausflüge in die Stadt und die ersten Annäherungsversuche an das andere Geschlecht kreist.

Ausgedehnte Fahrten mit dem Mofa oder später mit dem ersten Auto eines Freundes durch den Spessart gehörten in meiner Jugend lange Zeit zu den wichtigsten und schönsten Freizeiterlebnissen. Mobilität war zudem eine Voraussetzung, um die weiterführenden Bildungsmöglichkeiten oder das breitere Freizeitangebot der nahen Kreisstadt wahrnehmen zu können. Mein Aktionsradius vergrößerte sich mit zunehmendem Alter. Bewegung, Reisen und Ortswechsel trugen mehr noch als Filme oder Bücher zu Erfahrungsbildung bei, indem sie die Lösung aus gewohnten Bindungen und Selbstverständlichkeiten sowie das Kennenlernen anderer Lebensauffassungen beförderten.

Viele aus meiner Altersgruppe wollten möglichst weit weg vom strengen Elternhaus oder kleinbürgerlicher Enge in ländlich geprägtem Milieu. Ziele waren Großstädte wie Berlin, das europäische Ausland, Fernost oder Lateinamerika. Anziehungskraft ging daneben aber auch von alternativen Lebensformen auf dem Land aus. Sobald es meine Eltern und das eigene finanzielle Budget erlaubte, brach ich mit meinen Freundinnen auf, um andere Orte und Wirklichkeiten zu entdecken und zu erfahren. Das Interrail-Ticket der Bahn machte es zu dieser Zeit vielen Jugendlichen möglich.

Ebenso wie SCHLUCHTENFLITZER knüpfen auch die ausgewählten Filme an spezifische Erfahrungen an, die in Verbindung mit Mobilität und Ortswechsel stehen, und durch das Motiv der Bewegung ausgedrückt und nachvollziehbar werden.

 
  
DIF, 3.4.2000  

nächste Seite Kapitelübersicht zurück