Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

2.1.1. Mobilität und Seherfahrungen - Eine Blickpunktbestimmung
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Meine frühen Seherfahrungen wurden gewissermaßen durch Mobilität geprägt, sowohl im eigentlichen Sinne als auch durch den wechselnden Gebrauch unterschiedlicher Medien und Filmformate.

Ein wesentliches Mittel zur Aneignung von Raum und Zeit stellte in meiner Jugend das Autofahren dar. Das Kino als Ort von Raum-, Zeit- oder Fremderfahrung spielte für mich in den 70er Jahren noch eine Nebenrolle, zumal Kinobesuche in der Provinz die Ausnahme waren. Ohne Fernsehen verging dagegen kaum ein Tag. An den amerikanischen Western, die lange Zeit zu meinen bevorzugten Spielfilmformen zählten, faszinierten mich die fernen, großartigen Naturlandschaften und der Pioniergeist der europäischen Siedler. Mit der Zeit entwickelte ich jedoch auch ein kritischeres Verhältnis, was die gezeigte Verdrängung und Vernichtung der indianischen Ureinwohner anbelangte.

Zur Rezeption amerikanischer Filme in der Bundesrepublik bemerkt Frieda Grafe, indem sie auf den Satz "Die Amerikaner haben uns kolonialisiert" aus Wenders Film IM LAUF DER ZEIT antwortet:

"Mit den amerikanischen Filmen ist jedenfalls auch in uns eine Weite eingezogen, haben wir Räume wie nie zuvor gesehen und vielleicht sogar hin und wieder empfunden, daß man unterwegs zu Haus sein kann." [3]

Möglich, daß Western diese Sehnsucht auch in mir zu wecken vermochten. Abgesehen von den gelegentlichen Vorführungen amerikanischer Klassiker im lokalen Jugendzentrum wurde mir die Weite zumindest nicht durch eine große Leinwand vermittelt. Amerika bildete für meine Altersgruppe nicht mehr das Zentrum der Welt, wie das noch für einen Teil der ersten Nachkriegsgeneration in Abgrenzung zur deutschen Kultur der Fall gewesen sein mag. Meine Sehgewohnheiten wurden nicht nur von amerikanischen Filmproduktionen beeinflußt. Als "Vielseherin" fanden im Fernsehen neben Vorabendserien wie "Bonanza" oder Edgar Wallace- und Winnetou-Filmen zunehmend auch Filme der französischen "Nouvelle Vague" oder von Rainer Werner Fassbinder mein Interesse. Kino, das bedeutete nicht unbedingt ein fester Ort oder eine Gegenkultur zum Fernsehen, sondern in erster Linie gemeinsamer Zeitvertreib und Treffpunkt für Jugendliche sowie Geschichtsunterricht. Für eine Schulvorführung des Dokumentarfilms HITLER - EINE KARRIERE (1977) von Christian Herrendörfer und Joachim C. Fest besuchte ich erstmals ein "richtiges" Kino in der nahegelegenen Kleinstadt. Dort sah ich ebenfalls MACBETH (1971) von Roman Polanski im Kreis der Jugendgruppe des Wandervereins. Der verstörend wirkende Film IF... (1969) von Lindsay Anderson wurde im Jugendkeller der katholischen Kirche gezeigt. Eine ähnlich drastische Revolte gegen Eltern oder schulische Institutionen blieb jedoch aus.

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77Nach dem Umzug in die Großstadt Ende der 70er Jahre entdeckte ich das Kino als eigenen Erfahrungsraum, was meine spätere Studienwahl bestimmte. Im Kommunalen Kino oder in einem der neu entstandenen Programmkinos sah ich nun unter anderem die Filme von bundesrepublikanischen Autoren. Mein Nachholbedarf in Sachen bundesrepublikanisches Kino konnte jedoch nur zum Teil gedeckt werden. Nach wie vor gilt mein besonderes Interesse den Kinorealitäten, die sowohl von europäischen als auch außereuropäischen Filmemachern und Filmemacherinnen von ihren Herkunftsländern entworfen werden und Einblicke geben sowohl in raum-zeitlich entfernte als auch einfach andere Wirklichkeiten. Ebenso der Bewegung und den Reisen, die das Kino durch die symbolische Aneignung von Raum und Zeit ermöglicht.  
 [3] Grafe, 1992, S. 7.
DIF, 3.4.2000  

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