Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

2.2. Reisen in Literatur und Film
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74 

Verschiedene Aspekte des Reisemotivs aus der Literatur finden sich in den besprochenen Filmen wieder. Literarische Vorbilder gehen bis auf die Antike zurück. Reiseroman und literarischer Reisebericht des 18. Jahrhunderts sind Ausdruck der Anfänge des Reisens als "Massenphänomen". Die geschilderten persönlichen Eindrücke des Reisenden im Bildungsroman sowie die Begegnung mit dem Fremden lassen eine gesteigerte Selbst- und Welterkenntnis des bürgerlichen Subjekts erkennen. Impressionen und Reflexionen machen die Form des "sensiblen" Reisens in der Literatur aus. [4] Aufbruch und Scheitern erscheinen oft als zwei aufeinander bezogene Pole in der zeitgenössischen Reiseliteratur. [5] Die Suche nach sich selbst auf einer Reise ohne Ankunft stellt zudem eines der Grundmotive der Moderne dar. [6] In gesellschaftskritischen, häufig satirisch gefärbten Texten, kommt dem Reisen indes nicht selten die Funktion zu, die Schwächen eines Systems aufzudecken. [7]

Aus anthropologischer Perspektive wird das Motiv der Reise als Lebensfahrt oder transitorisches Stadium zwischen zwei Lebensphasen gedeutet. Es symbolisiert menschliche Entwicklungsfähigkeit und erlaubt dem Helden, sich reisend in einen anderen zu verwandeln.

Film und Reisen gehen seit den Anfängen der Kinematographie einen engen Zusammenhang ein. Einen kurzen Abriß von Reisefilmen der Kinogeschichte gibt Karsten Visarius. Er sieht bereits in den frühen Filmen zwei Typen von Reisen vertreten, die einerseits dem Bereich des Phantastischen und andererseits der historisch-realen Welt zugerechnet werden können. Das Motiv der Reise ist seit jeher eng mit Grenzüberschreitungen verknüpft. Im Film dient es häufig zur Gestaltung der Grenze zwischen Fiktion und Realität. Visarius führt aus, daß das Reisemotiv in unterschiedlichen Genres vorkommt, die dem Reisen erst eine Form geben. Im Thriller nimmt die Reise oft die Form von Flucht oder Verfolgung an, während eine uns geläufige Form der Reise - die Ferienreise - im Spielfilm meist nur als Komödie oder gar Slapstick-Groteske erscheint. Ein Element, das durchgängig in Reisefilmen zu beobachten ist, ist das Abenteuer. Häufig wird es gesucht, um in Bereiche vorzudringen, die außerhalb von Routine und alltäglichen Lebenszusammenhängen liegen.[8]

 

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Road Movies können als Reisefilme im Zuge zunehmender Automobilisierung gesehen werden. Das Genre löst seit den 60er Jahren den klassischen Western in den USA ab, zeitgleich setzt sich dort das Auto als Massenverkehrsmittel durch. Dieser Trend läßt sich in der BRD ein Jahrzehnt später beobachten. Der Individualverkehr gilt als Ausdruck wachsender Mobilität, Individualisierung und Differenzierung der Gesellschaft.

Im Road Movie ist Bewegung oft Selbstzweck. Erst durch die Geschichte werden die Fahrten mit Gefühlen wie Erfahrungshunger, Sehnsucht, Heimatlosigkeit u.a. versehen. Anders formuliert es Georg Seeßlen: "Die Sensation des Road-Movies ist, daß es nichts zu sehen gibt, weshalb zur Bedeutung nur durch die Bewegung zu gelangen ist." [9]

In den bundesrepublikanischen Filmen bekommt Bewegung die Bedeutung von Suche, Ausbruchs- oder Fluchtversuchen. In ALICE IN DEN STÄDTEN steht die "sensible" Reise gleichsam für die inneren Prozesse und die Identitätsfindung des Protagonisten. Der temporäre Ausstieg von "Die Abfahrer", erschließt ihnen andere Perspektiven in der Adoleszenzphase. Die Kreisbewegung am Ende von STROSZEK läßt zwar die Situation auswegslos erscheinen, aber die impressionistisch wirkenden Fahrtbilder eröffnen dem Zuschauer Vorstellungsräume. Die chaotische Flucht macht in DIE HAMBURGER KRANKHEIT den Orientierungsverlust der Figuren sichtbar, während sich eine andere politische Richtung in der Republik durchsetzt.

 
 

[4] Vgl. Daemmrich, 1995. S. 144. Oder: Thabi, 1982. S. 4.

[5] Vgl. Thabi, 1982. S. 4.

[6] Vgl. Mattenklott, in: Karpf, 1991. S. 41.

[7] Vgl. Daemmrich, 1995. S. 143.

[8] Vgl. Visarius, in: Karpf, 1991.

[9] Seeßlen, in: Hoffmann / Schobert, 1991. S. 36.

DIF, 3.4.2000  

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