Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

2.3. Rezeption der Filme als Road Movie

Für das Road Movie ist der Aufbruch aus bestehenden Verhältnissen konstitutiv. So geraten "Möglichkeitsorte" ins Blickfeld, die außerhalb des engen Rahmens von gesellschaftlichen Institutionen und Alltagsroutine liegen. Gleichzeitig macht der Ausbruchsversuch deutlich, wie und wo Grenzen gesetzt sind.

Road Movies sind weltweit produziert und rezipiert worden. Die verhandelten Themen haben für eine sich wandelnde moderne Welt universelle Reichweite. Die Reise erfüllt nicht nur die Funktion eines Übergangs zwischen zwei geographischen Punkten sondern zwischen zwei Zuständen. Menschliche Entwicklungsphasen sowie gesellschaftliche Veränderungsprozesse werden durch sie anschaulich gemacht. Die Fahrt symbolisiert insbesondere die Suche nach persönlicher Freiheit und zeigt somit das Spannungsverhältnis auf, in dem Individuum und Gesellschaft stehen, ein Thema, das bis heute nicht an Aktualität verloren hat.

Trotz der Heterogenität an Themen und Stilmitteln lassen sich die ausgewählten Filme auf einen Nenner bringen. Sie bedienen eine Publikumshaltung, die vom Road Movie erwartet, "daß Fahrzeuge vorkommen und Landstraßen zumindest einen Teil der Schauplätze ausmachen." [10] Deshalb können die Filme aus heutiger Sicht als Road Movies rezipiert werden.

Der Aspekt des Genrekinos hat in zeitgenössischen Rezensionen über die Filme von Wenders, Herzog und Fleischmann eine untergeordnete Bedeutung. Als zentraler Rezeptionskontext dient der deutsche Autorenfilm, dem Winkelmann allerdings nicht mehr zugerechnet wird. [11]

Wie ihre klassischen amerikanischen Vorgänger können die vorgestellten Reisefilme als Heimatfilme gesehen werden, nicht nur, indem sie dem Zuschauer sein Land vor Augen führen, sondern, indem sie die Schwierigkeiten von Heimat und kultureller Identität innerhalb der bundesrepublikanischen oder westlich-kapitalistischen Gesellschaft aufzeigen. In den Filmen geschieht dies sowohl anhand realer Schauplätze, nachgezeichneter Milieus, authentischer Darsteller als auch mit phantasievoll entworfenen Bildern oder Szenarien, Figurenkonstellationen und ihren Verständigungsformen. Die in den Filmen vorkommenden Fahrzeuge sind vor allem Symbol der Mobilität in den 70er Jahren. Während in amerikanischen Road Movies oft noch ein nostalgischer Automobilkult zelebriert wird, dienen die Mietwagen, Möbeltransporter, Abschleppwagen oder Wohnanhänger hier nur noch bedingt der Selbstdarstellung. Sie werden lediglich vorübergehend als Transportmittel genutzt oder entwendet.

 
 

[10] Bertelsen, 1991. S. 23.

[11] Siehe dazu auch die Rezeptionsweisen und Pressestimmen der Filme: ALICE IN DEN STÄDTEN, STROSZEK, DIE HAMBURGER KRANKHEIT

DIF, 3.4.2000  

 
 

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