Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3. Bewegungen zwischen Genre- und Autorenkino: Die Filme
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Die ausgewählten Filme liegen quer zum Autoren- und Genrekino, zu realen oder fiktionalen Stilelementen oder der Unterscheidung von Kino- und Fernsehfilmen.[12] Die verschiedenen Lesarten, die sie anbieten, entsprechen durchaus meinen eigenen unterschiedlich geprägten Sehgewohnheiten. Als Mischformen erleichtern die Filme jetzt den Zugang zu Regisseuren wie Wim Wenders oder Werner Herzog, die in den siebziger Jahren als Autorenfilmer Beachtung fanden, während sowohl die Namen als auch das Etikett Autorenfilm aus heutiger Sicht eher mit einem negativen Vorzeichen versehen sind.

Der Aspekt des Autorenkinos kann für das Verständnis der Filme und ihren sozialgeschichtlichen Hintergrund nicht außer Acht gelassen werden, insbesondere im Hinblick auf die "metaphorische Konzeption des Individuums als Autor seiner Erfahrung".[13] Damit ist nicht nur der Versuch vieler Filmemacher in den 70er Jahren gemeint, eigene und geteilte Erfahrungen filmisch umzusetzen und zu vermitteln. Vielmehr noch verstanden sie sich quasi als Stellvertreter von allen, die nicht wie sie über eine gesellschaftlich privilegierte Stellung oder die notwendigen Produktionsmittel verfügten, um Kreativität zu entwickeln. Erfahrungen, die mit dem Motiv der Bewegung von den damals dreißigjährigen Regisseuren ausgedrückt wurden, können heute noch nachvollzogen werden. Darüber geben zusätzlich auch die Arbeitsweisen der Regisseure und die Entstehungszusammenhänge der Filmproduktionen Aufschlüsse.

 
 

[12] Alle ausgewählten Filme sind in Zusammenarbeit mit Fernsehsendern entstanden, die Form der Mischfinanzierung ist in den 70er Jahren gängig. Das 1974 getroffene Rahmenabkommen von ARD und ZDF mit der deutschen Filmwirtschaft garantierte das Überleben des Spielfilms. Einerseits konnten so für das Fernsehen Regisseure gewonnen werden, die sich primär als Kinoregisseure verstanden. Andererseits haben Filmregisseure gerade durch Koproduktionen ihren eigenen Stil finden können. Obwohl mit der Finanzierung in der Regel keine großen Auflagen verbunden waren, stellten sich den Filmemachern dennoch andere ästhetische Anforderungen, die aus dem Wechselverhältnis beider Medien resultierten (Vgl. Hickethier, in: Hoffmann / Schobert, 1991). Bewegung oder die bewegliche Kamera als "Mittel der Wirklichkeitsspiegelung" zählte in den 70er Jahren zu den Prinzipien des Spielfilms, die ihm in besonderer Weise Anerkennung als "Filmkunst" verschafften. Die Filme lassen sich somit vom Fernsehfilm abgrenzen. (Vgl. Russ, 1990. S. 34).

[13] Kreimeier, in: Hoffmann / Schobert, 1991. S. 18.

DIF, 3.4.2000  

 
 

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