Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.1. Suchbewegungen - ALICE IN DEN STÄDTEN (1973/74) von Wim Wenders

ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Wenders Spielfilme scheinen schon länger nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein: die Geschichten wirken oft umständlich und ausufernd, konstruiert und künstlich, zu romantisch verklärt oder zu selbstreflexiv. Sie sprechen vorwiegend die kleine Anhängerschaft des sogenannten "Kunstkinos" an. Heutzutage findet der Deutsche Autorenfilm insgesamt nur noch wenig Interesse insbesondere bei dem jungen Kinopublikum. Mit der Gunst der deutschen Filmkritik kann Wenders ebenfalls nicht mehr rechnen.[14] Manche, die Wenders' Arbeit jetzt mit viel Skepsis gegenüberstehen, geraten angesichts seiner frühen Filme nach wie vor ins Schwärmen.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Am Beispiel von ALICE IN DEN STÄDTEN wird diese Begeisterung für mich verständlich. Das liegt zum einen an den langen Fahrtszenen, die ein gutes Fünftel des gesamten Films ausmachen, und zum anderen an der sich nach und nach entwickelnden Beziehung zwischen Philipp und der neunjährigen Alice, zumal sie keiner dieser Männerfreundschaften wie IM LAUF DER ZEIT darstellt. Für ALICE IN DEN STÄDTEN gilt im besonderen Maße, was Klaus Kreimeier über das Autofahren schreibt. "Wer sich in unablässiger Bewegung befindet, verhält sich rezeptiv".[15] Noch heute schaue ich während einer Auto- oder Bahnfahrt lieber aus dem Fenster, statt zu lesen, lasse die wechselnden Ansichten, flüchtigen Eindrücke, verwischenden Farben und Formen, aufkommenden Gedanken vorbeiziehen oder hänge ihnen nach.

"Wirklichkeit, Außenwelt ist das, was ephemer - wie auf der Kinoleinwand - im Rahmen der Windschutzscheibe auftaucht und wieder versinkt."

So umschreibt Kreimeier dieses flüchtige Gefühl von Identität, das sich mit der kontinuierlichen Bewegung einstellt.[16]

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

ALICE IN DEN STÄDTEN von Wim Wenders - das sind jene langen Auto- und Eisenbahnfahrten durch triste amerikanische und deutsche Landschaften" faßt Carla Rhode zusammen.[17] Das sind touristische Stadtansichten der Metropole New York, von Amsterdam und Wuppertal, könnte man ergänzen. Das sind Straßen, Tankstellen, Durchgangsstationen, Toiletten und Wartesäle, Hotelzimmer mit Fernsehen, Pausen auf Rastplätzen, in Cafés oder an Imbißbuden. Das sind flüchtige Zufallsbekanntschaften und Wiederbegegnungen. Das ist vor allem der beinahe zwei Stunden dauernde Erfahrungsmodus des Unterwegsseins: Langsame Einstellungen und Kamerabewegungen entlang von Häuserfassaden mit der gleichmäßigen Musik der Gruppe Can. Das ist ein getragener Rhythmus, der sich auf das eigene Zeitempfinden zu übertragen scheint, insofern man bereit ist, sich darauf einzulassen. Dies kann eine Herausforderung für Sehgewohnheiten darstellen.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

ALICE IN DEN STÄDTEN - das ist zudem eine einfache Geschichte, die ohne viel Handlung auskommt. Das sind kleine Begebenheiten am Rande: der Besuch eines Rock-and-Roll-Konzerts oder ein Nachmittag im Freibad. Das ist die Unmittelbarkeit der neunjährigen Alice, gespielt von Jela Rottländer, die Rüdiger Vogler als Philipp Winter aus seiner Lethargie holt.

ALICE IN DEN STÄDTEN markiert eine Wende in Wenders' Werk. Der Film bildet den Auftakt zu einer Trilogie von Road Movies. Es folgen 1974 FALSCHE BEWEGUNG und 1975/76 IM LAUF DER ZEIT. Geographisch gesehen spannt ALICE IN DEN STÄDTEN den weitesten Bogen, angefangen von der West- bis zur Ostküste der USA über den Atlantik und dann quer durch das Ruhrgebiet. Nach einer Untersuchung von Kathe Geist machen in ALICE IN DEN STÄDTEN die Fahrtszenen 21% der Gesamtlänge des Films aus, weit mehr als in FALSCHE BEWEGUNG (6 %) oder IM LAUF DER ZEIT(12 %).[18]

Sowohl in der Interaktion und allmählichen Annäherung von Alice und Philipp als auch durch die Bewegung, die die inneren Bewegungen des Protagonisten widerspiegeln, erhält der Film etwas Hoffnungsvolles. Die begleitenden Reflexionen über Bilder und das Filmemachen sind in Bildern aufgehoben und wirken deshalb unaufdringlich. Das über die Oberfläche des Films hinausgehende Netz an persönlichen Verweisen und Zitaten, das Wenders in seinem Werk ausgebaut hat, erschließt sich dagegen wohl nur gestandenen Cineasten oder Wenders-Kennern.

 
 

[14] Das zeigt sich ebenfalls an Wenders Musikerdokumentation BUENA VISTA SOCIAL CLUB, obwohl diese in den deutschen Kinos sehr erfolgreich gelaufen ist.

[15] Kreimeier, Klaus: Die Welt ein Filmatelier. In: Wim Wenders 1992, S. 17.

[16] Vgl. ebd., S. 16.

[17] Rhode, in: Der Tagesspiegel vom 22.01.1989  (PDF-Datei).

[18] Kathe Geist zitiert nach: Jansen / Schütte 1992. S. 308 (Fußnote).

DIF, 3.4.2000  

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