Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.1.1. Biographische und sozialgeschichtliche Bezüge
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Wim Wenders (geb. 14.08.1945) gehört der ersten Nachkriegsgeneration an, die mit amerikanischer Musik und amerikanischen Filmen aufgewachsen ist. Im Nachkriegsdeutschland stellte die amerikanische Kultur eine Alternative zur kleinbürgerlichen Kultur dar. Gleichzeitig unterstützte sie das weitverbreitete Bemühen, die deutsche Geschichte auszublenden.

Die Durchdringung des bundesrepublikanischen Alltags mit amerikanischen Einflüssen ist auch in ALICE IN DEN STÄDTEN präsent: Coca-Cola-Automaten und Musikboxen, ein Rock-and-Roll-Konzert mit Chuck Berry in Wuppertal. Die Begeisterung für Amerika ist spätestens seit dem Vietnamkrieg nicht mehr ungebrochen.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Für Brigitte Jeremias gibt sich Wenders in ALICE IN DEN STÄDTEN generationsbewußt. Sie schreibt: "Genauso spricht die Generation der Dreißigjährigen (...), die nach dem Einschnitt von 1968 nicht weiß, wohin, und das heißt ja vor allem auch: wohin mit Amerika ..." [19] Die amerikanische Kultur hat ihre Vorbildfunktion insbesonders für die jüngere Generation in den 70er Jahren verloren und kann nicht mehr unhinterfragt konsumiert werden.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Die Amerikanisierung macht Wenders vor allem an den eigenen Sehgewohnheiten fest. Um ein Gegengewicht zu schaffen, begibt er sich filmisch auf die Suche nach kultureller Identität in Westdeutschland. ALICE IN DEN STÄDTEN zeigt die allmähliche Annäherung des Protagonisten an Westdeutschland, die Rückkehr an seinen Ausgangs- oder Herkunftsort. Für Wenders, der in Düsseldorf geboren ist, liegt dieser in der Umgebung des Ruhrgebiets, einer unverwechselbaren deutschen Landschaft. Am Ende des Films fahren Alice und Philipp mit dem Zug in Richtung München, zu dem Ort, wo Wenders sein Filmstudium absolviert hat. Durch die Fahrt wird deutlich, daß Wenders in ALICE IN DEN STÄDTEN seine Richtung gefunden hat und an seine filmischen Anfänge anknüpft.

Amerika bleibt für Wenders ein wichtiger Bezugspunkt für die Auseinandersetzung mit seiner persönlichen Geschichte, die auch die seiner Generation ist.

 
 [19] Jeremias, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.03.1974 (PDF-Datei).
DIF, 3.4.2000  

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