Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.1.2. Antidialogeund Wahrnehmungsgrenzen
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Generationsspezifisch ist für Brigitte Jeremias auch die Unfähigkeit zum Dialog in ALICE IN DEN STÄDTEN. Sie schreibt: „Die Antidialoge sind von bestürzender Authentizität". [20] Die Kommunikation zwischen Männern und Frauen ist im Film gestört. Sie reden aneinander vorbei, jeder ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Als Väter sind Männer abwesend. In den etwas unbeholfen wirkenden Dialogen artikuliert sich die "Geschlechterkrise" der Zeit. Die fehlenden Verständigungsformen sind Teil eines Identitätsverlustes, der mit der Lösung aus familiären sowie kulturell-geschichtlichen Bindungen einhergeht.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Das Dilemma wird an der anfänglich gezeigten Differenzierungs-, Entscheidungs- und Handlungsunfähigkeit von Philipp Winter erkennbar. Als Grund gibt er an, daß ihm "Hören und Sehen vergangen" ist. Die äußere Realität stimmt nicht mehr mit seinen Vorstellungen und Bildern davon überein. Seine Fotografien sind nicht mehr in der Lage, ihm einen Zugang zur Welt zu verschaffen. Außer seiner Wahrnehmungsirritation erklärt die Äußerung Philipps Isolation und die daraus resultierenden Gefühle von Einsamkeit und Angst.

Durch die Bekanntschaft mit Alice und den anfangs noch unfreiwilligen alltäglichen Umgang mit ihr bekommt Philipp allmählich ein anderes Verhältnis zur Welt, indem er zeitweise die Vaterrolle und Verantwortung für Alice übernimmt.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Das gebrochene Verhältnis zur eigenen Vätergeneration verarbeitet Wenders in ALICE IN DEN STÄDTEN im Dialog mit der nachfolgenden Generation. Es ist ein Versuch, die familiären und kulturellen Brüche der eigenen Geschichte nachzuvollziehen. Im Reiseverlauf gilt die Aufmerksamkeit von Philipp dann immer weniger dem Fotografieren und zunehmend den Menschen und ihren (Lebens-) Geschichten. In die Zukunft weisen die neugierigen, noch unbefangenen Blickkontakte, die Alice zu Jungen gleichen Alters aufnimmt. Sie lassen auf ein anderes, noch zu bestimmendes Verhältnis sowohl zwischen den Geschlechtern als auch den Generationen hoffen. ALICE IN DEN STÄDTEN spricht Ängste und Träume von Wenders' eigener Generation [21] an sowie das Vakuum, das die Lösung aus familiären und geschichtlich-kulturellen Bindungen hinterlassen hat.

 
 

[20] Jeremias, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.03.1974.

[21] Vgl. Kolditz, in: Wim Wenders 1992. S. 154.

DIF, 3.4.2000  

 
 

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