Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.1.3. Reflexionen übers Filmemachen und über subjektive Wahrnehmung
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Philipp Winter ist aus beruflichen Gründen unterwegs. Als Reporter fährt er durch die USA auf der Suche nach aussagekräftigen Bildern und einer Geschichte, die dem Leser oder Zuschauer einen Eindruck von Amerika vermitteln. Bei seinem amerikanischen Agenten findet seine Arbeit weder Anerkennung noch finanzielle Unterstützung.

Die schwierigen Bedingungen des Filmemachens sowie die Rolle als Filmemacher sind in ALICE IN DEN STÄDTEN Gegenstand der Selbstreflexion. Die Fahrten werden zu Chiffren der Suche nach persönlicher und künstlerischer Identität als Filmemacher, der sowohl von der westdeutschen als auch der amerikanischen Kultur beeinflußt ist.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Außerdem fragt Wenders nach der Möglichkeit von Bildern, die subjektive Wahrnehmung der Realität zu vermitteln. Er zeigt die Schwierigkeit auf, die eigenen Bilder gegen die bestehenden zu setzen, durch die die Wahrnehmung vorstrukturiert ist.

Seine Skepsis gegenüber den Sehgewohnheiten wird in der medienkritischen Haltung zum Fernsehen deutlich, das in zunehmendem Maße Bilder von der Welt liefert. In einem der Hotelzimmer zerstört Philipp das fortwährend flimmernde TV-Gerät. Diese Szene ist besonders bemerkenswert, wenn man bedenkt, daß Wenders' Arbeit gerade erst durch die Finanzierung des Fernsehens ermöglicht wurde.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Mit seinem Filmteam stellt Wenders, wie Philipp Winter als Reporter, filmische Erkundungen über die amerikanische Wirklichkeit an, um die vorgefertigten, bekannten mit den selbstgemachten Bildern zu vergleichen. Seine Impressionen sollen den Zuschauer anregen, die eigenen Sehgewohnheiten zu hinterfragen. Wenders macht aber auch deutlich, daß der technische Aufnahmeapparat nicht in der Lage ist, Wirklichkeit in einem 1:1-Verhältnis abzubilden, wenn er seinen Protagonisten sagen läßt, nachdem dieser eine Reihe von Polaroidfotos geschossen hat: "Es ist doch nie drauf, was man gesehen hat."

So vermitteln ebenfalls die von Kameramann Robby Müller gedrehten Schwarzweißbilder und Einstellungen keinen unmittelbaren Zugang zur Realität, wirken eher distanziert, eben wie durch die trennende Windschutzscheibe betrachtet. Mit dieser Distanz formuliert Wenders gleichfalls den Verlust an filmischen Traditionen, was dazu führt, daß er den eigenen Bildern und eigenen Geschichten mit Mißtrauen begegnet. [22]

 
 [22] Vgl. Buchka, 1993. S. 39.
DIF, 3.4.2000  

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