Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.1.4. Fremde Bilder, fremde Heimat
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Als "seltsame suggestive Impressionen zu bestimmten Erfahrungen" umschreibt die Filmkritikerin mit dem Synonym "Ponkie" ihre Rezeptionseindrücke zu ALICE IN DEN STÄDTEN und führt aus: "Ein Schwarzweißfilm, der Farbe nicht brauchen kann. Er macht reale Dinge zu Chiffren einer verlorenen Identität." [23] Neben den Bildern transportieren die Figuren dies Gefühl von Entfremdung. Amerika wirkt auf Philipp abweisend, er kann weder geschäftliche noch persönliche Beziehungen in dem Land aufbauen. Während er in der Fremde heimatlos bleibt, ist ihm der Ort seiner Kindheit fremd geworden. Das Ruhrgebiet hat sich gewandelt, die Häuser der alten Bergarbeiterkolonien werden von Menschen aus anderen Herkunftsländern bewohnt. Territoriale und kulturelle Identität fällt ebenso bei Philipp auseinander.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Besonders deutlich wird der andauernde Zwiespalt auf dem Chuck-Berry-Konzert in Wuppertal, wo sich Philipp bei ihm vertrauter Musik und mit einer Coca Cola in der Hand erstmals wieder so richtig wohl zu fühlen scheint. Philipp Winter ist ein Prototyp der ersten Nachkriegsgeneration, die vor allem die amerikanische Kultur als Transportmittel nutzte, um das eigene Milieu zu überschreiten. Als eine der Folgeerscheinungen wird in einem Artikel der Zeit ein "wackeliges Selbst- und latentes Fremdkörpergefühl" [24] beschrieben. Das verlorengegangene Selbstverständnis und die beeinträchtigte Wahrnehmung von Welt scheint in ALICE IN DEN STÄDTEN in Bildern präsent. Heimat macht sich für Philipp Winter ab diesem Zeitpunkt allerdings immer weniger an der Umgebung oder einem Land als an seinen eigenen geschichtlich-kulturellen Bindungen sowie persönlichen Beziehungen fest. Diese sind flüchtiger und mobiler geworden, wie auch die begrenzten Freundschaften auf Reisen zeigen.

 
 

[23] Ponkie, in: AZ vom 17.05.1974.

[24] März, in: Die Zeit vom 11.02.1999.

DIF, 3.4.2000  

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