Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.1.5. Wandlungszeichen
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74 
 

Weder Aufbruch noch Ankunft von Philipp liegen innerhalb der filmischen Zeit. Der Film weist so über seine zeitliche Begrenzung hinaus. Die Identitätsfindung des Protagonisten ist mit dem Ende nicht abgeschlossen und als ein fortdauernder Prozeß anzusehen.

Die Abhängigkeit der persönlichen von geschichtlichen Entwicklungen wird im Verlauf des Films nicht nur durch die Bewegung, sondern auch durch sublime Wegzeichen greifbar. "Wenn man aus New York hinausfährt, sieht alles gleich aus. Es verändert sich nichts mehr." So kommentiert Philipp zu Beginn seinen Trip durch die USA. Die Äußerung gibt seine innere Verfassung wieder: Jegliches Differenzierungsvermögen ist ihm abhanden gekommen und er sieht sich selbst an einem toten Punkt angelangt.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74Einen Eindruck von der Gleichförmigkeit der urbanisierten Landschaften abseits der Metropole bekommt der Zuschauer besonders durch die lange Fahrtdauer. Diese Monotonie sensibilisiert aber gleichfalls für leise Veränderungen und fordert auf, genau hinzuschauen. Dagegen gewinnt Wuppertal durch sein Wahrzeichen - die Schwebebahn - einen Wiedererkennungseffekt. Es verleiht dem Ort Identität wie die ausgedehnten Industrieanlagen dem Ruhrgebiet. Die verlassenen und zerfallenen Häuser der Arbeiterkolonien machen hingegen den geschichtlichen Wandel der Region sichtbar. Das auf einer Bank sitzende alte Paar birgt den Hinweis auf die Generation, die einen Abschnitt deutscher, zum Teil verdrängter Geschichte miterlebt hat.  
  
DIF, 3.4.2000  

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