Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.1.6. Produktionsbedingungen und Arbeitsweise
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Während die Erfolgswelle des "Neuen deutschen Films" beginnt, steht ALICE IN DEN STÄDTEN für Wenders' Abkehr vom kommerziellen Filmemachen im Sinne von aufwendigen, nach festem Drehbuch und festgelegtem Drehplan produzierten Filmen. ALICE IN DEN STÄDTEN ist auch für damalige Verhältnisse eine Low-Budget-Produktion [25], auf 16-mm-Schwarzweiß-Filmmaterial und chronologisch gedreht. Es ist eine Art von mobilem Filmemachen, die den kleinen Gegebenheiten und dem Sehen viel Raum läßt und dazu eine leichte technische Ausstattung und ein flexibles Team braucht.

ALICE IN DEN STÄDTEN ist nach Wenders' Handke-Verfilmung DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER (1971/72) und dem Fernsehfilm DER SCHARLACHROTE BUCHSTABE (1972/73) die dritte Produktion, die in Zusammenarbeit mit dem WDR entstand. Der Film war in erster Linie und aufgrund seines Formats für die Fernsehausstrahlung bestimmt. Eine Kinoauswertung erfolgte erst, nachdem die später produzierten Filme von Wenders bei Kritikern und Publikum Anklang gefunden hatten.

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Nach seiner Abschlußarbeit SUMMER IN THE CITY (1969-71) ist ALICE IN DEN STÄDTEN der erste Film, für den sich Wenders keiner literarischen Vorlage bedient, sondern eigens das Drehbuch schreibt.

Die Geschichte basiert auf einer einfachen Grundidee. Beim Schreiben des Drehbuchs ist Wenders von Bildern und Einstellungen ausgegangen. In einem Artikel zur Fernsehausstrahlung kommentiert Wenders seine Art des Filmemachens und gibt gleichzeitig eine Anleitung zur Rezeption: "Der Zuschauer soll zuerst versuchen, die Bilder zu verstehen, denn die Bedeutung des Films ergibt sich erst aus der Summe der Bilder, der Zuschauer soll sich an Bewegungen, Licht und Gesten erinnern und nicht an den Sinn eines Satzes. Das ist keine Absage an die 'Bedeutung' generell, sondern eine Zusage für einen rein physischen Aspekt von Bildern und Geschichten. Es ist wichtig, daß in einem Film Sachen vorkommen können, die nicht dramaturgisch hergestellt sind, sondern sich ergeben haben."[26]

Seine Absage an das Diktat der Handlungsdramaturgie wird ebenfalls durch ein Zitat in der Frankfurter Rundschau verdeutlicht: "Mich interessieren die Vorgänge, die einfach ablaufen. Ich möchte da nichts hineinpfuschen, keine Dramaturgie, keine Handlung im üblichen Sinne." [27]

Es sind eher Stationen und kleine Episoden, die durch den Reisefaden zusammengehalten werden. Dahinter steht ein filmisches Konzept, das die Bilder nicht durch die Montage manipulieren und keine kausalen oder psychologischen Zusammenhänge konstruieren will, indem eine Geschichte erzählt wird. In diesem ästhetischen Handlungsentwurf wird vielmehr die Kamera zur erzählenden Instanz, mit deren Blick sich der Zuschauer identifizieren kann.
 

 
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Die Darstellung von Bewußtseinszuständen wie Einsamkeit, Unentschlossenheit, Angst ist ein Thema, dem Wenders nicht nur in ALICE IN DEN STÄDTEN nachgeht. Über die tastenden visuellen Bewegungen der Kameraführung werden die auf das Individuum begrenzten Erfahrungen aufgebrochen und überindividuell zugänglich.

Das Reisemotiv bei Wenders ist an den romantischen Entwicklungsroman angelehnt. Er versteht Suche als "Aufbruch ins Unbekannte" [28] und übersetzt sie filmisch in Bewegung.

 
 

[25] Budget ca. DM 500.000. Vgl. Kolditz, in: Jansen / Schütte, 1992. S. 154.

[26] T. S., in: Münchner Merkur vom 02.03.1974

[27] Blum, in: Frankfurter Rundschau vom 02.03.1974.

[28] Wim Wenders zitiert nach: Jansen / Schütte 1992. S. 67.

DIF, 3.4.2000  

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